Verkehrte Netzwelt: Aus dem Leben eines Handy-Losen
Schreib! Mir! Schnell!
Wenn ich wieder einmal nicht rechtzeitig ausweichen konnte, finde ich mich manchmal für ein paar Sekunden in einem verstörten Zustand irgendwo zwischen völligem mentalen Stillstand und absoluter Fassungslosigkeit wieder. Bevor ich wieder genügend Intelligenz aufbringen kann, um mich davon loszureißen, sehe ich vor meinem geistigen Auge eine Hirnzelle nach der anderen sanft davonschweben und wie eine bunt schillernde Seifenblase zerplatzen. Meist schaffe ich es gerade noch mit zitternden Händen, dem Spuk mit der Fernbedienung ein jähes Ende zu bereiten, bevor ich anfange, von durchgeknallten Küken oder verrückten Frösche zu fantasieren. Besäße ich ein Handy, wäre ich wahrscheinlich schon um zwei Euro neunundneunzig für ein Klingelton-Sparabo ärmer.
Bestimmt gibt es viele Dinge, die man mit einem Handy tun könnte, ohne mir damit auf die Nerven zu gehen. SMS-Mitteilungen schreiben gehören jedenfalls nicht dazu. Auf mich wirkt die Abkürzung für "Short Message Sevice" mehr wie ein verstecktes Mantra für "Schreib mir schnell". Wenn das typische Doppelpiepen erklingt, ziehen manche Handy-Besitzer schneller als ihr Schatten, um Herkunft und Inhalt der Kurznachricht auf den Grund zu gehen. Erstaunlicherweise geht das oft schneller von der Hand als das Beantworten eines Anrufs, obwohl dabei schließlich jemand in der Leitung warten muss. Fast so schnell wie das Mobiltelefon zuvor aus der Tasche gezogen wurde, ist die SMS-Antwort auch schon verfasst und verschickt.
Grundlegende Regeln der Höflichkeit geraten hier flott in Vergessenheit. Aus zuvor interessanten Dialogen werden dann auf einmal langweilige Monologe, bei denen ich von meinem Gesprächspartner neben dem Geklappere seiner Handy-Tasten nicht mehr als unkonstruktive Laute wie "ja", "mmh" oder "aha" ernte. Andererseits ist das Schreiben von SMS-Nachrichten eine ideale Möglichkeit für die emanzipierte Frau von heute, aufdringlichen Verehrern ihr Desinteresse zu signalisieren, ohne gleich zu fiesen Verbal-Attacken wie "lass uns doch Freunde bleiben", kreativen Ausreden oder dem physischen Wink mit dem Zaunpfahl greifen zu müssen.
Bei gerade mal 160 Zeichen pro Kurzmitteilung wird es für die deutsche Grammatik schon einmal eng. Abenteuerliche Abkürzungen, halbe Wörter und seltsame Satzkonstruktionen verschmelzen bisweilen zu einer Art Geheimsprache, die dem "Enigma"-Code im Zweiten Weltkrieg locker den Rang ablaufen hätten können. Bestens verschlüsselt werden somit aber nicht nur wichtige, sondern oftmals völlig belanglose Informationen übermittelt, für die man sich normalerweise gar nicht erst trauen würde, überhaupt zum Telefon zu greifen.
Fast infiziert - Volvo war schuld
Vor einigen Jahren hatte mich die Handy-Industrie fast soweit - ich sah tatsächlich einen Sinn darin, mir ein Mobiltelefon anzuschaffen. Doch nicht etwa, weil plötzlich ein kaffeekochendes Modell mit integriertem Rasierapparat auf den Markt kam, sondern aus einem viel profaneren Grund: Schuld war ein schwedisches Automobil. Bevor ich Sie vollends verwirre, hier eine kurze Vorgeschichte:
Auf der nächsten Seite erfahren Sie, weshalb mich Volvo fast zum Handy brachte.
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