Interview: "Mehr Raubkopien durch Kopierschutz"
"Zunehmende Reglementierung verhindert Innovationen"
netzwelt: Die Industrie macht die Szene für riesige Einnahmeverluste verantwortlich. Wie bewertet ihr das illegale Treiben der Release- und FXP-Groups?
Sen: Die Verantwortung der Szene ist schwer zu bewerten: Obwohl die Subkultur schon seit 25 Jahren existiert, wurde das Schwarzkopieren erst mit dem Internet-Boom Mitte der Neunzigerjahre zum Problem für die Unterhaltungsindustrie, als auch die Gelegenheitskopierer die Dateien untereinander tauschen konnten. Es ist überhaupt nicht im Sinne der Szene-Mitglieder, dass ihre Cracks und Warez den eigentlich abgeschlossenen Kreis aufgrund undichter Stellen verlassen und in Filesharing-Netzwerken auftauchen. Die Release-Groups haben es aber nicht geschafft, sich vom Rest des Netzes abzuschotten. Wir möchten die Szene nicht von Schuld frei sprechen - aus unserer Sicht ist das Problem aber eher ein gesellschaftliches Phänomen: Das Kopieren von Wissen und Informationen ist ein Teil der Netz-Kultur, der sich nicht einfach durch Kopierschutz oder Gesetze ausschalten lässt.
netzwelt: Ihr zitiert in eurem Buch unter anderem Lawrence Lessig, der in der zunehmenden Reglementierung sogar eine Gefahr für die Netzkultur sieht. Was meint der Stanford-Professor damit?
No Copy - Die Autoren
Jan Krömer, geb. 1979, besaß bereits im Alter von 13 Jahren den legendären 'Amiga', der ihn erstmals mit den Themen Raubkopien und Untergrundszene in Berührung brachte. Er studierte Informationswirtschaft an der Fachhochschule Köln und arbeitete einige Jahre bei SternTV. Derzeit ist er für ein IT-Beratungsunternehmen tätig.
Evrim Sen, Jahrgang 1975, schrieb im Jahre 1999 das Buch "Hackerland". Legenden und Mythen aus der Hacker-Szene fasste er später in dem Buch "Hackertales" zusammen. Er studierte Informationswirtschaft in Köln und International Business an der University of California in Berkeley. Derzeit arbeitet er Software-Entwickler.
Sen: Die zunehmende Reglementierung der Netzwelt verhindert Innovationen: In der Vergangenheit war es immer so, dass alte Geschäftsmodelle durch neue und bessere ersetzt wurden. Die Gesetzgebung schützt aber im Prinzip die in Zeiten des Internet veralteten Geschäftsmodelle der Unterhaltungsindustrie. Das Netz bietet ungeahnte Möglichkeiten, doch vieles, was möglich wäre, ist verboten: So wird kreatives Potential ausgebremst.
netzwelt: Wie wird sich die Szene künftig entwickeln - was erwartet ihr?
Krömer: Wegen der Strafverfolgung zieht sich die Szene derzeit weiter in den Untergrund zurück und wird dadurch noch unangreifbarer. Die Mitglieder schützen sich besser - sie verschlüsseln ihre Chats und benutzen nur noch ganz sichere Verbindungen.
Sen: Die Szene passt sich an - je mehr sich die Industrie wehrt, desto besser werden die Schutzmaßnahmen der Szene. Die Strafverfolgung kann nicht mehr erreichen, als Sand in das Getriebe einer Maschine zu streuen, die stabil läuft. Und selbst das wird schwierig, wenn die Szene durch verbesserte Sicherheitsmaßnahmen gleichsam den Vorhang zuzieht.
netzwelt: Die Industrie hat für die DVD-Nachfolger Blu-Ray-Disc und HD-DVD angeblich unknackbare Kopierschutzmechanismen entwickelt: Wie lange wird es dauern, bis die Szene diese Sicherheitsmaßnahmen umgeht?
Krömer: Die Frage ist weniger, wie lange es dauert, sondern wer künftig ein kopiergeschütztes Original eigentlich noch benutzen will. Je ausgefeilter die Mechanismen werden, desto unkomfortabler sind die Medien in der Regel für die Anwender. Schon der simple Kopierschutz für Audio-CDs sorgt für Probleme, weil zum Beispiel ältere Player ein Original nicht abspielen können.
"Unknackbarer Kopierschutz ist unmöglich"
Sen: Ein Hacker würde sich weigern, eine unknackbaren Kopierschutz zu entwickeln, weil es schlichtweg unmöglich ist. Die Unternehmen geben Unsummen für die Entwicklung von Kopierschutzmechanismen aus. Stattdessen könnten sie zum Beispiel die Preise der Medien senken: Die Kunden bezahlen, wenn sie sich eine DVD kaufen, auch für neue Kopierschutzmechanismen, die die Verbraucher gar nicht wollen. Außerdem sollten die Filmstudios und Plattenfirmen aufhören, potentielle Käufer zu verklagen und stattdessen die Nachfrage ankurbeln, indem sie es zum Beispiel attraktiver machen CDs zu kaufen oder bessere Online-Plattformen für Film-Downloads entwickeln.
netzwelt: Könnt ihr euch vorstellen, dass ein Plattenboss euer Buch in die Hand nimmt?
Sen: Unser Buch ist nicht für die Industrie geschrieben - wir sind keine Unternehmensberater. Natürlich erhoffen wir uns aber schon, dass ein Industrieboss das Buch mal anschaut und sich denkt: "Sieh mal einer an - wenn das stimmt, was die Jungs schreiben, ist das, was wir machen, falsch."

Im Forum diskutierenBeiträgeinsgesamt 12 Beiträge
Timmä
Es liegt ganz einfach in der Natur des Menschen sich Wissen und Information anzueignen, je einfacher desto besser... Ich schliesse mich ausserdem lückenlos mit meiner Meinung an meine Vorredner an.
Wie recht die beiden Autoren haben (und auch meine Vorredner hier). Das Buch werde ich mir auf jeden Fall kaufen, ist mit Sicherheit interessant. Was die blöde Musikindustrie auch immer noch nicht ändert ist ihr...
Ganz meine Meinung. Gut, ich kenne die Szene jetzt nicht, aber als Kunde weiß ich, dass ich seit der Einführung des Kopierschutzes massig Geld sparen. Weil ich diese oder jene CD kopiergeschützt ist. Oder weil das...
Besonders die letzte Seite des Interviews finde ich interessant: Die Kunden wollen den Kopierschutz doch gar nicht, weil er sie einschränkt. Das vergrault die Kunden. Außerdem werden "Raub"kopien (was ein dämliches...