Online-Rollenspiele können auch offline tödlich enden

Verkehrte Netzwelt: Die vernetzte Kehrtwelt

Mein übertaktetes Herz pumpt Bits und Bytes durch wassergekühlte Venen, meine Augen sind tausende, über den Globus verteilte Webcams, mein Kopf eine unaufgeräumte Festplatte. Die linke Hand hat 90 Tasten, die rechte eine optische Auflösung von spieletauglichen 1.600 dpi. Ich bin verdrahtet, vernetzt, verhaltensgestört und habe kein Problem damit.

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Inhaltsverzeichnis

  1. 1Verdrahtet, vernetzt, verhaltensgestört
  2. 2Die Dame vom Amt
  3. 3Die Geschäftsführung Gottes
  4. 4Linke oder rechte Tür?
  5. 5Linke Tür
  6. 6Rechte Tür
  7. 7Linke Tür
  8. 8Rechte Tür

Der Tag, an dem ich sterben sollte, war ein Mittwoch. Seit Jahren hatte ich kein Tageslicht mehr gesehen, lebte autark im Keller einer Mietswohnung. Wozu auch vor die Türe gehen. Dort gab es Witterung. Schnee, Schauer, Sonne. Der Keller war davon frei. Mein Essen bestellte ich online, die Wäsche holte einmal in der Woche die ältere Dame von nebenan ab. Alles lief in für mich geregelten Bahnen. Leider veränderte sich plötzlich mein Leben schlagartig.

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Der Mittwoch, an dem ich dann tatsächlich gestorben bin, begann wie ein durchschnittlicher Dienstag oder Donnerstag. Dabei war es Freitag. Sie merken gerade, wie sinnlos Wochentage sind. Schon vor langer Zeit hatte ich aufgehört Tage, die sich wie Lieder im Radio wiederholten, in bestimmte Wochentags-Schubladen zu stecken. Dass Freitag sein musste, verriet mir ein blinkendes Symbol rechts unten in der Taskleiste, das mich an den wöchentlich anstehenden Viren-Scan erinnerte.

Meine sozialen Kontakte, Freunde, sie wissen schon, Menschen aus Fleisch und Blut, hängen selber jeden Tag vor dem Computer. Ab und an schneit mal jemand von früher im Chat vorbei. Trotzdem haben sie sich nach und nach von mir abgekapselt. Warum, ist mir bis heute ein Rätsel. Vielleicht bin ich tatsächlich süchtig nach dem weltweiten Netz, nach Online-Vergleich, Online-News, Online-Rollenspielen. Die tiefschwarzen Augenringe, das aschfahle Gesicht und die Halde angebissener Pizza-Stücke samt dazugehörigem Verpackungsmaterial sind ein schlagendes Indiz hierfür.

Verdrahtet, vernetzt, verhaltensgestört

Ich kann nicht anders. Mein übertaktetes Herz pumpt Bits und Bytes durch wassergekühlte Venen, meine Augen sind tausende, über den Globus verteilte Webcams, mein Kopf eine unaufgeräumte Festplatte. Die linke Hand hat 90 Tasten, die rechte eine optische Auflösung von spieletauglichen 1.600 dpi. Ich bin verdrahtet, vernetzt, verhaltensgestört und habe kein Problem damit. Bis jemand den Stecker zog und die Verbindung zum Internet kappte.

Ich dachte, es läge am Rechner. Doch nach einer kompletten Neuinstallation konnte ich eine Fehlerquelle nach der anderen ausschließen. Das Problem musste sich irgendwo dort oben, in der Oberwelt befinden. Ich kratzte mich am seit Wochen unrasierten Kinn. Was nun? Das letzte Mal, dass so eine Situation eingetreten ist, war vor etwa zwei Jahren.

Auf der Internet-Seite meines Heimatortes stand damals am Ende einer schlaflosen Nacht, dass ein Bagger direkt vor unserem Haus die Stromleitung gekappt hatte. Es waren die schlimmsten sechseinhalb Stunden meines Lebens und die Narben von jener internetlosen Nacht sind noch heute deutlich sichtbar. Und noch heute erzählen sich die Nachbarskinder hinter vorgehaltener Hand von den Geräuschen und Flüchen, die aus meinem Kellerfenster in jene wolkenverhangene Nacht flüchteten.

Ich begann heftiger zu kratzen, bis die Finger sich rot zu verfärben begannen. Was konnte ich tun? Vielleicht hatte wieder ein Bagger die Finger im Spiel. Mit langen Schritten ging ich Richtung Fenster, streckte die Hand nach dem Vorhang aus, schob ihn Millimeter für Millimeter zur Seite.

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