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Verkehrte Netzwelt: Die vernetzte Kehrtwelt
Online-Rollenspiele können auch offline tödlich enden

von Michael Knott Uhr veröffentlicht

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Mein übertaktetes Herz pumpt Bits und Bytes durch wassergekühlte Venen, meine Augen sind tausende, über den Globus verteilte Webcams, mein Kopf eine unaufgeräumte Festplatte. Die linke Hand hat 90 Tasten, die rechte eine optische Auflösung von spieletauglichen 1.600 dpi. Ich bin verdrahtet, vernetzt, verhaltensgestört und habe kein Problem damit.

Der Tag, an dem ich sterben sollte, war ein Mittwoch. Seit Jahren hatte ich kein Tageslicht mehr gesehen, lebte autark im Keller einer Mietswohnung. Wozu auch vor die Türe gehen. Dort gab es Witterung. Schnee, Schauer, Sonne. Der Keller war davon frei. Mein Essen bestellte ich online, die Wäsche holte einmal in der Woche die ältere Dame von nebenan ab. Alles lief in für mich geregelten Bahnen. Leider veränderte sich plötzlich mein Leben schlagartig.

Der Mittwoch, an dem ich dann tatsächlich gestorben bin, begann wie ein durchschnittlicher Dienstag oder Donnerstag. Dabei war es Freitag. Sie merken gerade, wie sinnlos Wochentage sind. Schon vor langer Zeit hatte ich aufgehört Tage, die sich wie Lieder im Radio wiederholten, in bestimmte Wochentags-Schubladen zu stecken. Dass Freitag sein musste, verriet mir ein blinkendes Symbol rechts unten in der Taskleiste, das mich an den wöchentlich anstehenden Viren-Scan erinnerte.

Meine sozialen Kontakte, Freunde, sie wissen schon, Menschen aus Fleisch und Blut, hängen selber jeden Tag vor dem Computer. Ab und an schneit mal jemand von früher im Chat vorbei. Trotzdem haben sie sich nach und nach von mir abgekapselt. Warum, ist mir bis heute ein Rätsel. Vielleicht bin ich tatsächlich süchtig nach dem weltweiten Netz, nach Online-Vergleich, Online-News, Online-Rollenspielen. Die tiefschwarzen Augenringe, das aschfahle Gesicht und die Halde angebissener Pizza-Stücke samt dazugehörigem Verpackungsmaterial sind ein schlagendes Indiz hierfür.

Verdrahtet, vernetzt, verhaltensgestört

Ich kann nicht anders. Mein übertaktetes Herz pumpt Bits und Bytes durch wassergekühlte Venen, meine Augen sind tausende, über den Globus verteilte Webcams, mein Kopf eine unaufgeräumte Festplatte. Die linke Hand hat 90 Tasten, die rechte eine optische Auflösung von spieletauglichen 1.600 dpi. Ich bin verdrahtet, vernetzt, verhaltensgestört und habe kein Problem damit. Bis jemand den Stecker zog und die Verbindung zum Internet kappte.

Ich dachte, es läge am Rechner. Doch nach einer kompletten Neuinstallation konnte ich eine Fehlerquelle nach der anderen ausschließen. Das Problem musste sich irgendwo dort oben, in der Oberwelt befinden. Ich kratzte mich am seit Wochen unrasierten Kinn. Was nun? Das letzte Mal, dass so eine Situation eingetreten ist, war vor etwa zwei Jahren.

Auf der Internet-Seite meines Heimatortes stand damals am Ende einer schlaflosen Nacht, dass ein Bagger direkt vor unserem Haus die Stromleitung gekappt hatte. Es waren die schlimmsten sechseinhalb Stunden meines Lebens und die Narben von jener internetlosen Nacht sind noch heute deutlich sichtbar. Und noch heute erzählen sich die Nachbarskinder hinter vorgehaltener Hand von den Geräuschen und Flüchen, die aus meinem Kellerfenster in jene wolkenverhangene Nacht flüchteten.

Ich begann heftiger zu kratzen, bis die Finger sich rot zu verfärben begannen. Was konnte ich tun? Vielleicht hatte wieder ein Bagger die Finger im Spiel. Mit langen Schritten ging ich Richtung Fenster, streckte die Hand nach dem Vorhang aus, schob ihn Millimeter für Millimeter zur Seite.

Die gleißende Sonne traf meine Augen wie ein Fausthieb. Sofort fiel ich nach hinten, schlug mit dem Kopf heftig auf der Tischkante auf und landete auf allen Vieren am Boden. Winselnd griff ich nach einem Besenstiel, hielt die Hand vor Augen und versuchte, aus der Hocke heraus den Vorhang mit Hilfe des Besenstiels wieder vor das Fenster zu schieben. Es gelang mir. Aufatmen. Sonne, ein von der Oberwelt völlig überbewerteter Himmelskörper. Benommen schlief ich eine Weile.

Langsam bekam ich Hunger. Normalerweise genügen wenige Klicks und mein Essens-Bote schiebt mir eine halbe Stunde später mein Care-Paket zwischen Tür und Angel durch. Es ist das immer gleiche Prozedere. Ich bestelle online, er kommt wenig später, klopft dreimal an der Tür, damit ich weiß, dass er es ist. Ich drücke ihm das Geld in die Hand, ein kurzes, angedeutetes Nicken und er geht wieder. Einmal wollte er mich in ein Gespräch verwickeln, er hatte schon fast den Fuß in meiner Tür. So gerade eben konnte ich ihn noch abwimmeln, indem ich irgendetwas von einem wichtigen Prozess am Rechner schwafelte.

Zum Hunger gesellte sich noch dessen kleiner Bruder, der Durst. Die Kaffee-Reste in den zahlreichen, im Zimmer verteilten Tassen würden mich höchstens über die nächsten zwei Stunden retten. Was aber, wenn dort oben ein echtes Problem mit dem Netz vorliegen würde. Vielleicht war ja nicht nur mein Anschluss tot, sondern das ganze Internet lahmgelegt? Ich kramte nach meinem Mobiltelefon, um jemanden anzurufen.

Die Dame vom Amt

Doch wer sollte dieser Jemand sein? Gähnende Leere im Telefonbuch des Handys. Ich hatte die Auswahl zwischen dem ADAC-Notdienst, einem Ticket-Shop und der Service-Nummer des Mobilfunkbetreibers. Da Letzterer am besten zu meinem Problem passte, versuchte ich einfach mein Glück. Drei Freizeichen später eine freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung:

"Guten Tag, was kann ich für Sie tun?" Ich öffnete meinen Mund, spannte die Stimmbänder, ein seltsames Gefühl. Wann hatte ich überhaupt das letzte Mal gesprochen? "Gnten Taac – Önntrenet karrpitt, karrpitt?", war dann der nicht gerade vielversprechende, erste Sprechversuch seit unschätzbar langer Zeit. "Hallo" - die ruhig und gelassen wirkende Stimme am anderen Leitungsende war offenbar Kummer dieser Art gewohnt.

Ich hingegen hatte mich bereits genug gedemütigt und legte wieder auf. Wie tief ich doch gesunken war. Keine Freunde, nicht einmal eine Bezugsperson, keine Stimme, kein Essen und kein Wasser. Und was am schlimmsten war - kein Netz! Willkommen zum Tiefpunkt meines bisherigen Lebens. Ich fühlte mich wie eine Maus ohne Pad. Ein Windows ohne Klammergriff. Ein Apfel ohne Anbiss. Ich hatte mich endgültig aus der realen Welt verabschiedet.

Mein Herz tickte mit jeder weiteren Offline-Minute schneller, als das Guthaben eines Prepaid-Handys bei einem Auslandsgespräch verschwindet. Es begann zu flimmern, geriet völlig aus dem Takt und kollabierte schließlich. Tiefschwarze Leere umspülte meine letzten noch aktiven Synapsen, bis auch diese endgültig ihren Dienst quittierten und sich mit samt meinem geschundenen Geist zur endgültigen Ruhe betteten.

Die Geschäftsführung Gottes

"Ich sehe, Sie kommen wieder zu sich. Können sie mich sehen, mich verstehen?" Schemenhaft nahm ich die Umrisse einer dürren Gestalt war. "Wir haben Sie beobachtet", säuselte die Stimme weiter. "Wer sind Sie?", artikulierte ich plötzlich in dermaßen perfekter Art und Weise, dass ich mich selber nur wundern konnte.

"Mein Name tut hier nichts zur Sache, im Grunde genommen habe ich nicht mal einen Namen im herkömmlichen Sinne. Betrachten Sie mich einfach als die Vorzimmerdame des Himmels, die Geschäftsführung Gottes, wenn Sie so wollen. Ich habe die Aufgabe, Sie langsam an das heranzuführen, was jetzt kommen wird. Denn würden Sie unvorbereitet durch diese Tür dort gehen", meine Augen folgten dem ausgestreckten Finger in Richtung einer prächtig verzierten, weißen Doppel-Türe, die in etwa fünf Meter Entfernung zu mir lag und bis in die Unendlichkeit reichte, "würden Sie Ihr Augenlicht für immer verlieren.

Ihr Geist könnte nicht verkraften, was er sieht, und würde zerplatzen wie ein rohes Ei in der Mikrowelle. Um es kurz zu machen - Sie sind vor etwa einer halben Stunde gestorben. Hinter dieser Tür wird sich nun Ihr weiteres Schicksal entscheiden. Und ganz ehrlich - Ihrer Akte nach zu urteilen, dürfte es nicht ganz so rosig um Ihre Zukunft bestellt sein. Wenn Sie bereit sind, blabla, sich halbwegs fit fühlen, dann melde ich Sie jetzt beim Chef an."

Ich musste genickt oder anders mein Einverständnis signalisiert haben, denn das Nächste, an das ich mich erinnern konnte, war, wie ich mit schlotternden Knien vor der Himmelspforte stand und unerträgliche Angst verspürte. Zwar war ich schon tot, doch hatte ich das Gefühl, dass es trotzdem noch schlimmer kommen konnte. Noch bevor ich mit meiner Hand überhaupt die Tür berühren konnte, schwang sie zügig zu beiden Seiten auf. Gleißendes Licht flutete zum zweiten Mal an diesem Tag meine Augen. Dann sah ich ihn.

Gott war ein ulkiger Typ mittleren Alters, der mich ein wenig an den Essens-Boten erinnerte. Keine langen Haare, keine Jesus-Latschen. In einem anderen Umfeld hätte er auch problemlos Staubsauger verkaufen können, ein gern gesehener Gast in der Poker-Runde. Und tatsächlich war Gott dem Anschein nach ein Zocker.

Linke oder rechte Tür?

"Lust auf ein Spielchen?", fragte er mich im Plauderton. Aus einem mir nicht ersichtlichen Grund hatte ich meine Angst verloren und antwortete sehr gefasst: "Klar, wieso nicht?" "Meine Vorzimmerdame hat es dir ja bereits erzählt. Wir haben dich beobachtet. Über Jahre hinweg beobachtet. Du bist internetsüchtig, junger Freund. Ohne deinen Computer bist du ein Nichts. Du bist zu einem Abbild deiner selbst verkommen, unfähig, die kleinste Entscheidung ohne Google zu treffen.

Von deinem Keller-Loch aus erkundest du die ganze Welt per Mausklick, doch du weißt nicht, was in deiner unmittelbaren Nachbarschaft vor sich geht. Wenn in China ein Sack Reis umfällt, bist du der Erste, der es erfährt. Doch wenn deine Familie und deine Freunde dich brauchen, bist du nicht erreichbar. Dieser Monolog ging endlos weiter, wurde aber nachträglich gekürzt. Gott hatte tatsächlich das Talent für geschwollene Reden, welches ihm so gerne nachgesagt wird.(Anm. d. Redakteurs).

Eine unauffällig schlichte, kleine Türe lag unweit von uns entfernt im Nebel. Keine fünf Meter rechts daneben ragte eine weitere, reich verzierte Pforte in die Höhe. "Linke oder rechte Tür"?, bebte Gottes Stimme.

Linke Tür

Rechte Tür

Linke Tür

Klar, Sie dachten in Gottes Angesicht wäre es vermessen die mit Ornamenten geschmückte, protzige Pforte zu wählen. Wahrscheinlich dachte Gott, die alte Ulknudel, aber genauso. Hätte ich tatsächlich diese Türe ausgewählt, hätte mich eine lange Rutschpartie direkt in die loderne Hölle erwartet.

In unzähligen Windungen geht es dort immer tiefer und tiefer, wird es immer heißer und heißer. Wer Glück hat, verbrennt bereits unterwegs auf dem Weg zum Abgrund. Wer Pech hat, überlebt diesen Höllenritt mit Ach und Krach und von Kopf bis Fuß übersät mit Brandblasen, um anschließend persönlich Bekanntschaft mit dem Teufel zu machen. Zum Glück wählte ich die rechte Tür.

Rechte Tür

Nicht kleckern, klotzen! Bescheidenheit ist zwar eine Zier, doch schließlich war ich im Himmel, der Kölner Dom auch kein Kind von Traurigkeit und die Neugierde, was sich hinter einer solch prachtvollen Pforte verstecken mag, siegte schließlich. Wieder reichten wenige Schritte aus und die beiden Hälften glitten wie von Geisterhand auseinander. Und wieder musste ich meine Augen schließen, um das helle Licht ertragen zu können.

Es ist mir fast peinlich, nach so viel Tamtam zugeben zu müssen, dass ich mich wieder in meinem abgedunkelten Keller-Appartment befand. Nichts hatte sich verändert. Die Pizza-Kartons in der Ecke, das tränendurchnässte Handy mit der gewählten Rufnummer des Mobilfunkbetreibers – alles war an seinem Platz. Mein Kopf wummerte gedämpft im Takt meines arg strapazierten Herzens.

Eine Kleinigkeit hatte sich doch verändert. Der Computer war eingeschaltet, lief stabil und hatte eine Internetverbindung! Verdutzt starrte ich lange Zeit mit leerem Blick auf den Monitor. Dann klappte ein Fenster auf: "Sie haben eine neue Nachricht" stand dort in kleiner Schrift. Mit mulmiger Hand öffnete ich die Nachricht.

"Du glaubst wohl, du hättest das alles nur geträumt? Dein Glück, dass du die richtige Türe gewählt hast. Trotzdem. Höre: Wenn du nicht innerhalb von einer Stunde diesen Saustall hier aufgeräumt, den Rechner ausgeschaltet und vor die Türe an die frische Luft gegangen bist, komme ich höchstpersönlich vorbei und werde dafür sorgen.", stand dort schwarz auf weiß. Wie vom Blitz getroffen lief ich panisch die Kellertreppe hoch, stolperte über den letzten Absatz und brach mir das Genick am Treppengeländer. Vielen Dank dafür, Online-Offline-Rollenspiel-Gott. Und einen schönen Gruß vom Typen hinter der linken Türe.

Kommentare zu diesem Artikel

Mein übertaktetes Herz pumpt Bits und Bytes durch wassergekühlte Venen, meine Augen sind tausende, über den Globus verteilte Webcams, mein Kopf eine unaufgeräumte Festplatte. Die linke Hand hat 90 Tasten, die rechte eine optische Auflösung von spieletauglichen 1.600 dpi. Ich bin verdrahtet, vernetzt, verhaltensgestört und habe kein Problem damit.

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  • Grunzer schrieb Uhr
    Re: AW: Re: News - Verkehrte...

    Ach... so macht der Schluß auch viel mehr Sinn :-) Grüße
  • Michael Knott schrieb Uhr
    AW: Re: News - Verkehrte Netzwelt:...

    So, wieder alles in Ordnung...
  • Michael Knott schrieb Uhr
    AW: Re: News - Verkehrte Netzwelt:...

    Ich glaube, dass es davon ganz ganz viele gibt...Nur merke ich gerade, dass der Artikel plötzlich aufhört. Eigentlich hatte der 6 Seiten :-( Wird aber wieder behoben! Grüße
  • Grunzer schrieb Uhr
    Re: News - Verkehrte Netzwelt:...

    Danke für den Artikel!! Ich kannte auch so jemand. Aber der lebt ---glaube ich--- noch. Grüße

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http://www.netzwelt.de/news/74337-verkehrte-netzwelt-vernetzte-kehrtwelt.html
2006-07-15 10:03:00
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