Verkehrte Netzwelt: Deutsch reloadet
"Headshot-Driven-Gameplay"
"Außergewöhnliche Front-Of-Screen-Leistung"
Mit dem technologischen Fortschritt entwickelte sich auch ein völlig neues Sprachgefühl - das so genannte "Denglisch", das Verwursten von Deutsch und Englisch. Heruntergeladen wird zu "gedownloadet", Abbrechen zu "Canceln" und Aktualisieren zu "Updaten" - die Liste ließe sich nahezu beliebig fortsetzen, doch ein verständliches, deutsches Synonym existiert in fast jedem Fall. Mehr ein Zeichen von akuter Ideenlosigkeit als Einfallsreichtum sind Kreationen wie "begeisterte Spieler und Designer profitieren gleichermaßen von der außergewöhnlichen Front-of-Screen-Leistung", entnommen einer Produktbeschreibung eines aktuellen Notebooks. Leistung vor dem Bildschirm? Leistung auf dem Bildschirm? Vor dem Bildschirm befindet sich eigentlich nur ein durchsichtiges, hauptsächlich aus Stick- und Sauerstoff bestehendes Gemisch. Auf dem Bildschirm sollte in erster Linie ein Bild erscheinen, doch die Leistung befindet sich eigentlich unterhalb der Tastatur.
Eine wirklich außergewöhnliche Front-Of-Screen-Leistung eines Werbetexters gibt es auf der Website eines japanischen Elektronik-Riesen zu bestaunen: "Mobil de Luxe durch ein Höchstmaß an Connectivity" - das zergeht auf der Zunge wie schimmlige Schokolade. Abgesehen von der völlig misslungenen Kombination gleich vierer Sprachen, die einen Linguistiker in Sekundenbruchteilen dazu bringen könnte, sich seine letzte Mahlzeit noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen, sagt diese Überschrift so gut wie gar nichts aus. Unter uns: Es geht wieder um ein Notebook. Aber genauso gut könnte es ein Oberklasse-PKW sein, in dem sich besonders viele Küchengeräte anschließen lassen. Doch erfreulicherweise gehören die Pressestellen der meisten Automobil-Hersteller zu den wenigen, die sich noch auf das Deutschsprechen verstehen.
Die Kopfjagd auf zahlende Zocker wie bei der Werbung für ein PC-Spiel als "die heißeste und fettigste Wirtschaftssimulation aller Zeiten" zu betiteln, wäre wohl etwas übertrieben, zumal gewissen Fast-Food-Ketten bereits der Anspruch darauf gebührt. Spieler, auch "Gamer" genannt, haben viel mit Werbetextern gemeinsam - beide haben ihre ganz eigene Sprache und im Grunde verstehen nur sie selbst, wovon sie eigentlich reden. "Gestern habe ich meinen Char auf 48 hochgelevelt und meine Magic geskillt" bedeutet so viel wie, dass jemand seine Spielfigur, den Charakter, durch entsprechendes Training mit Tastatur und Maus auf die Stufe 48 eines festgelegten Wertesystems gebracht und seine virtuellen Zauberkräfte verbessert hat.
Besonders bei jüngeren Spielern oder Internet-Surfern ist die Schriftform des so genannten "Leetspeak" angesagt. Dabei werden Buchstaben einfach in die Zahlen umgewandelt, die ihnen am ähnlichsten sehen. Aus netzwelt wird so zum Beispiel "n37zw317", was die Lesbarkeit aber nicht gerade steigert. Einen großen Beitrag zum Arterhalt der ganz speziellen Gamer-Sprache leistet auch die Spiele-Industrie selbst. Ein aktuelles Beispiel ist "ÜberSoldier", in dem ein reanimierter Nazi Jagd auf seine Landsleute macht. Neben dem missglückten Titel hat der Spiele-Anbieter allerdings noch das "Headshot-Driven-Gameplay" in petto: Eine sehr eigenwillige Wortkreation, die Gewalt- und Sprachmissbrauch gleichermaßen verherrlicht und den Spieler für präzise Kopfschüsse belohnt.
"Nicht ärgern, ändern"
Hinter den meisten sprachlichen Entgleisungen steht die Unfähigkeit, komplizierte Sachverhalte in verständliche Worte zu fassen. Ebenso wenig kann es Sinn der Sache sein, die simpelsten Dinge absichtlich zu verenglischen - sei es aus Faulheit, eine geeignete Übersetzung zu finden, oder um dem Laien mit blasiertem Kauderwelsch Professionalität vorzutäuschen. Bei der Fachpresse oder echten Spezialisten erntet man damit allenfalls Nichtbeachtung oder müdes Lächeln. Hier halten wir es mit einem zwar nervigen, aber durchaus zutreffenden Werbespruch: "Nicht ärgern, ändern".
Links zum Thema
- Verkehrte Netzwelt: Was die Welt im iNnersten zusammenhält
- Leetspeak: Was bedeutet das Foren-Sprech?
- Verkehrte Netzwelt: Verdammt, ich will nicht ...!
