Technik gegen Mensch 1:0

Verkehrte Netzwelt: Aus der Bahn, 2Pac und Eminem!

Irgendwann musste es soweit kommen. Die Technik siegt über den Menschen, nimmt ihn für sich ein, beherrscht ihn. Lange genug haben wir sie versklavt, jetzt schlägt sie zurück. In Form von MP3-Musik auf Mobiltelefonen.

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Bücher in öffentlichen Verkehrsmitteln zu lesen ist eine Kunst, ein Meisterwerk der Konzentration, für das ich viele meiner Mitmenschen beneide. Die Umgebung ausblenden, kurz vor Arbeitsbeginn noch einmal abschalten und in ferne Welten abtauchen. Mit einem innerlichen Lächeln Toleranz zeigen, wenn der Nebenmann nichts Besseres zu tun hat, als permanent mit schiefem Auge mitzulesen. "Und, spannend?", plus anschließendes Gespräch war lange Zeit das Einzige und Schlimmste, was einem restschlaftrunkend in morgendlichen Bussen und Bahnen passieren konnte. Dann öffnet sich die Tür, Schirm-Mütze, tiefhängende Hose und Milchbart betreten die Szene.

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Unsere Blicke treffen sich kurz, dann nimmt er mit viel Anlauf gleich vier Sitzplätze auf einmal in Anspruch. Mein Blick wandert zurück zu meinem Zeigefinger, der die Stelle im Buch markiert, die ich als Letztes gelesen habe.

In Plastik gepresste Bosheit, mindestens 512 Megabyte groß

Ich weiß, was er vorhat. Er nestelt schon verdächtig im Rucksack rum. Ich hoffe, er sucht Kopfhörer, er findet eine Speicherkarte. Mindestens 512 Megabyte in Plastik gepresste Bosheit. Er legt sie in sein Handy ein, dreht den kleinen Mono-Lautsprecher voll auf. Erst Tupac Shakur, dann Eminem. Ich dreh voll ab. Innerlich. Äußerlich bleibe ich gelassen. Die Kids von heute, denke ich, früher haben sich ältere Damen über die Restgeräuschkulisse erbost, die aus meinen Ohrhörern in die freie Bahn-Umwelt gelangten. Alte Schachteln.

Wenn ich jetzt zu ihm gehe und ihm flüstere, dass es der Gemeinschafts-Bildung und dem sozialen Frieden rechtschaffender, auf dem Weg zur Arbeit befindlicher Bürger nicht dienlich ist, Klangkulissen, ganz gleich welcher Art, ungefiltert in die freie Umgebung zu entlassen, würde er mich erstens nicht verstehen. Zweitens würde mein gefühltes Alter sämtliche Federn biologischer Uhren überdehnen. Mann, bin ich etwa spießig geworden? Außerdem, was würde ich unternehmen, wenn er nicht auf mich hört? Mit gesenktem Haupt zurück zu meinem Platz dackeln? Ihm eins überbraten, mit der flachen Hand vielleicht?

Als könne er Gedanken so einfach lesen wie ich Bücher im stillen Kämmerchen, erhöht er meinen Aggressions-Level, indem er die Lautstärke verdoppelt. Ich fühle mich wie ein Legastheniker nach ersten Erfolgen in der Abendschule. Ich beginne einen Satz, verliere den Faden, springe ein paar Wörter zurück, wiederhole den letzten Absatz.

Ein fragender Blick in die Runde. Anscheinend bin ich nicht der Einzige, der sich so früh am Morgen über scheinbar Belangloses aufregt. Doch niemand sagt etwas. Bei jeder Haltestelle hoffe ich, dass er aus- oder jemand mit mehr Zivilcourage zusteigt. Zum Glück ist mein Ziel nur noch fünf oder sechs Stationen weit entfernt. "Sehr geehrte Fahrgäste! Aufgrund eines Defektes wird sich die Weiterfahrt um etwa fünf Minuten verzögern. Wir bitten um ihr Verständnis."



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