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Verkehrte Netzwelt: Aus der Bahn, 2Pac und Eminem!
Technik gegen Mensch 1:0

von Michael Knott Uhr veröffentlicht

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Irgendwann musste es soweit kommen. Die Technik siegt über den Menschen, nimmt ihn für sich ein, beherrscht ihn. Lange genug haben wir sie versklavt, jetzt schlägt sie zurück. In Form von MP3-Musik auf Mobiltelefonen.

Bücher in öffentlichen Verkehrsmitteln zu lesen ist eine Kunst, ein Meisterwerk der Konzentration, für das ich viele meiner Mitmenschen beneide. Die Umgebung ausblenden, kurz vor Arbeitsbeginn noch einmal abschalten und in ferne Welten abtauchen. Mit einem innerlichen Lächeln Toleranz zeigen, wenn der Nebenmann nichts Besseres zu tun hat, als permanent mit schiefem Auge mitzulesen. "Und, spannend?", plus anschließendes Gespräch war lange Zeit das Einzige und Schlimmste, was einem restschlaftrunkend in morgendlichen Bussen und Bahnen passieren konnte. Dann öffnet sich die Tür, Schirm-Mütze, tiefhängende Hose und Milchbart betreten die Szene.

Unsere Blicke treffen sich kurz, dann nimmt er mit viel Anlauf gleich vier Sitzplätze auf einmal in Anspruch. Mein Blick wandert zurück zu meinem Zeigefinger, der die Stelle im Buch markiert, die ich als Letztes gelesen habe.

In Plastik gepresste Bosheit, mindestens 512 Megabyte groß

Ich weiß, was er vorhat. Er nestelt schon verdächtig im Rucksack rum. Ich hoffe, er sucht Kopfhörer, er findet eine Speicherkarte. Mindestens 512 Megabyte in Plastik gepresste Bosheit. Er legt sie in sein Handy ein, dreht den kleinen Mono-Lautsprecher voll auf. Erst Tupac Shakur, dann Eminem. Ich dreh voll ab. Innerlich. Äußerlich bleibe ich gelassen. Die Kids von heute, denke ich, früher haben sich ältere Damen über die Restgeräuschkulisse erbost, die aus meinen Ohrhörern in die freie Bahn-Umwelt gelangten. Alte Schachteln.

Wenn ich jetzt zu ihm gehe und ihm flüstere, dass es der Gemeinschafts-Bildung und dem sozialen Frieden rechtschaffender, auf dem Weg zur Arbeit befindlicher Bürger nicht dienlich ist, Klangkulissen, ganz gleich welcher Art, ungefiltert in die freie Umgebung zu entlassen, würde er mich erstens nicht verstehen. Zweitens würde mein gefühltes Alter sämtliche Federn biologischer Uhren überdehnen. Mann, bin ich etwa spießig geworden? Außerdem, was würde ich unternehmen, wenn er nicht auf mich hört? Mit gesenktem Haupt zurück zu meinem Platz dackeln? Ihm eins überbraten, mit der flachen Hand vielleicht?

Als könne er Gedanken so einfach lesen wie ich Bücher im stillen Kämmerchen, erhöht er meinen Aggressions-Level, indem er die Lautstärke verdoppelt. Ich fühle mich wie ein Legastheniker nach ersten Erfolgen in der Abendschule. Ich beginne einen Satz, verliere den Faden, springe ein paar Wörter zurück, wiederhole den letzten Absatz.

Ein fragender Blick in die Runde. Anscheinend bin ich nicht der Einzige, der sich so früh am Morgen über scheinbar Belangloses aufregt. Doch niemand sagt etwas. Bei jeder Haltestelle hoffe ich, dass er aus- oder jemand mit mehr Zivilcourage zusteigt. Zum Glück ist mein Ziel nur noch fünf oder sechs Stationen weit entfernt. "Sehr geehrte Fahrgäste! Aufgrund eines Defektes wird sich die Weiterfahrt um etwa fünf Minuten verzögern. Wir bitten um ihr Verständnis."

Verständnis? Der hat gut lachen. Sitzt da vorne in seinem Extra-Abteil, der feine Herr Bahnangestellter, und hat keine Ahnung, auf was für einem Höllentrip seine Fahrgäste unterwegs sind. Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn. Der Fuß wippt unruhig auf und ab. Fingernägel werden gekaut. Ich will doch nur lesen.

Erneutes Knacksen aus den Deckenlautsprechern: "Sehr geehrte Fahrgäste! Die Weiterfahrt wird sich auf unbestimmte Zeit verspäten. Wir bitten um ihr Verständnis." Gleich krieche ich der penetrant freundlichen Stimme, die mein Ohr durch das ganze Ghetto-Geschrei nur sehr dünn erreicht, durch die oberen Kabelkanäle hinterher. Dann gibt's Saures. Zwei Euro hat mich die Fahrt gekostet. Ich habe ein Recht auf Ruhe. Komm gefälligst her und sorge dafür. Wo sind all die Fahrkartenkontrolleure, wenn man sie braucht?

Immer mitten in die...

Ich prüfe meine Waffen. Die Banane? Zu weich. Aber die Alu-Frühstücksbox, in der sie liegt, könnte gehen. Meine Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen. Langsam erhebe ich mich von meinem Sitz. Setze einen Fuß vor den anderen. Die Hand um die recht schwere Frühstücksbox greift fester. Für jedes einzelne Lied, das er hier frech wie Oskar abgespielt hat, bekommt er jetzt die Quittung.

"Ey Alter, mach den Scheiß aus. Bist de doof oder was?" Das Mädel ist höchstens 13 Jahre alt und setzt sich schräg gegenüber von mir hin. Mit einem einzigen Satz hat sie es geschafft, worüber ich eine Doktorarbeit hätte schreiben können. Little-Eminem drückt beschämt auf den Tasten herum und die Nokia-Höllenmaschine verstummt.

Jetzt schaut er einfach nur aus dem Fenster. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Verwirrt, aber glücklich setze ich mich wieder hin, lasse die Frühstücks-Box in meine Tasche gleiten. Auf was für verrückte Gedanken man doch kommt. Dieser jungen Frau gehört mein ganzer Dank. Ich möchte sie umarmen, ihr irgendetwas schenken, aber sie wirkt zu beschäftigt, schreibt wohl eine SMS. Dann trifft mich ihr Blick.

"Eminem, so ein Scheiß!", wirft sie in meine Richtung. "Hör dir das hier mal an, das Neue von Atomic Kitten, da drehst du durch." Wie recht sie hatte. Wir standen immer noch. Direkt über mir hing ein Nothammer. Muss ich mehr sagen?

Kommentare zu diesem Artikel

Irgendwann musste es soweit kommen. Die Technik siegt über den Menschen, nimmt ihn für sich ein, beherrscht ihn. Lange genug haben wir sie versklavt, jetzt schlägt sie zurück. In Form von MP3-Musik auf Mobiltelefonen.

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  • Michael Knott schrieb Uhr
    AW: News - Verkehrte Netzwelt: Aus der Bahn, 2Pac und Eminem!

    Hi Wackelpudding,

    danke für die Blumen. Die "Verkehrte Netzwelt" gibt es jeden Samstag frisch auf der netzwelt. Bis es wieder soweit ist, kannst du hier im Archiv stöbern:

    http://www.netzwelt.de/tags/verkehrte%20netzwelt.html

    Grüße aus der Redaktion
  • Bentleman schrieb Uhr
    AW: News - Verkehrte Netzwelt: Aus der Bahn, 2Pac und Eminem!

    Ein richtig schöner Beitrag, bitte mehr davon, oder hab ich die bis jetz immer übersehen?Für alle unsere Verkehrten Netzwelten gibt es eine Überssichtsseite, die findest Du hier: http://www.netzwelt.de/tags/verkehrte%20netzwelt.html
  • Wackelpudding schrieb Uhr
    AW: News - Verkehrte Netzwelt: Aus der Bahn, 2Pac und Eminem!

    ach herrlich - selten bei einem Eurer artikel so gelacht! :D Wirklich! Ein richtig schöner Beitrag, bitte mehr davon, oder hab ich die bis jetz immer übersehen? Well Done :rolleyes:
  • Pat-- schrieb Uhr
    AW: News - Verkehrte Netzwelt: Aus der Bahn, 2Pac und Eminem!

    Vielleicht sollte man nicht die Erfindung dieser Lautsprecher im handy verurteilen, sondern viel eher das beschränkte etwas, dass nicht damit umzugehen weiß. Ich war schon so manches mal froh über diese Funtion. Zum Beispiel, an einem schönen sonnigen Tag auf einer Piknikdecke am Ufer des Rheins zusammen mit meiner Freundin, lass ich mir gerne den Hintergrund durch ein wenig soften Rock beschallen. Der Unterschied ist halt, dass ich damit keinen belästige... und was die Qualität angeht, die mittlerweile garnicht mehr so mies, wenn man die Lautsprecher nicht gleich gnadenlos übersteuert... auf einer angemessenen Lautstärke kann man sich das noch super anhören. Natürlich kein Vergleich zu Hi-Fi-Komponenten-Stereo-Anlagen, aber die hat man ja schließlich auch zuhause stehen und nicht immer grad in der Tasche. Ich bin allerdings auch der Meinung dass eine kleine Portion Empathie und Rücksicht direkt die Lösung des Problems ist. Man muss schließlich nicht im Zug bei voller Lautstärke (inklusive übersteuertem Ton) seinen Lieblingsmusik genießen, sondern kann dafür ja wie schon erwähnt einfach Kopfhörer nehmen. PS: Noch als kleiner Tip zum Thema Industrial: Es wundert vielleicht, aber diese Musikrichtung hat rein garnichts mit Bohrmaschinen, Schleifmaschinen oder Fräsen zutun. Woher die Bezeichnung dieser Stilrichtung kommt kann ich nicht sagen, allerdings wäre meine Interpretation dazu die gleichmäßige ruckartige Intonation, die schnell die Assoziation von arbeitenden Maschinen bzw Hämmern auf Ambossen erweckt. Und damit meine ich nicht den Geräuschpegel oder die Geräuschart, die so entsteht, sondern viel eher eine Parallele zur Rhytmik gezogen wird. Sollte man jetzt gleich an Techno denken, hier der Unterschied: Als Unterart des Rock bzw. Metal bleibt dem Industrial immernoch ein klein wenig Sinnfülle bzw generell Inhalt, anders als Hämmern in Verbindung mit ein wenig Quietschen (was für mich Techno darstellt) Auf Rap geh ich jetzt mal nicht ein, das würde den Rahmen sprengen ;-)
  • Lee-Xai schrieb Uhr
    Re: News - Verkehrte Netzwelt:...

    Wow, der Artikel ist echt super, der Autor spricht mir aus der Seele (nur ein mutiges Mädchen kam noch nicht vor xD). Wie gut, das ich selber Kopfhörer habe. Hut ab, der Schreibstil ist super, mehr davon !
  • Tweek schrieb Uhr
    AW: News - Verkehrte Netzwelt: Aus der Bahn, 2Pac und Eminem!

    Ist doch egal, ob die Kids Hip-Hop, Volksmusik oder Nazi-Schranz hören. Fakt ist, dass niemand den Krach hören will. Schon gar nicht morgens vor der Arbeit und erst recht nicht in einer überfüllten U-/S-Bahn! Diese Ghettoblaster ("Blaster"
  • Grunzer schrieb Uhr
    OT...Super Bild KingW

    Bei uns werden solche Probleme "bpzst" (gesprochen "bst") genannt :-) Bekannter Fehler zwischen Stuhl und Tastatur Grüße Grunzer
  • Grunzer schrieb Uhr
    Re: AW: News - Verkehrte...

    Das hätte ich auch sein können vor ein paar Jahren! Ihr erkennt mich übrigens am grimmigen Gesichtsausdruck und den verschränkten Armen Aber es ist nicht schlimm, da ich genau der Meinung bin - mit einer Ausnahme: Ich habe überhaupt rein gar nichts gegen Hip Hop Ich habe sehr wohl was dagegen :-) Nix für ungut ihr Ghettokiddies!! Grüße Grunzer
  • Michael Knott schrieb Uhr
    AW: News - Verkehrte Netzwelt: Aus der Bahn, 2Pac und Eminem!

    Ihr dürft hier ruhig öfter mal Artikel solcher Art schreiben. (Oder übersehe ich die nur immer?) Werden versuchen, die Verkehrte Netzwelt jetzt wieder jeden Freitag zu veröffentlichen. @all: Danke für das Lob. Und um eines kurz mal klarzustellen. Ich habe überhaupt rein gar nichts gegen Hip Hop. Und prinzipiell hätte ich auch nichts dagegen in eine Bahn einzusteigen, und mit meiner Lieblingsmukke empfangen zu werden. Nur ist es mir noch nie passiert, dass jemand über seinen Mini-Ghettoblaster Jimi Tenor, Mr. Bungle, Mars Volta oder Ähnliches in freie Wildbahn entlassen hätte. Und ich kann auch gut verstehen, wenn jemand mir sagt: Hey, solche Mukke geht einfach nur auf die Nerven. Mir geht andere Musik gegen den Strich. Die Lösung: Kopfhörer rein, so kann jeder auf seinen Mix steil gehen. Und im wirklichen Leben schlage ich auch nicht mit Nothämmern um mich. Falls mich also jemand morgens mal in der Bahn treffen sollte, und meint, dieses oder jenes Lied müsste ich mir unbedingt mal anhören - Nur zu, bin ich gerne für zu haben. Nur sollte man dann auch den Anstand besitzen, nicht alle anderen damit zu behelligen. Ihr erkennt mich übrigens am grimmigen Gesichtsausdruck und den verschränkten Armen ;-) Lasst den Kopf nicht hängen, erfreut euch an der Musik, morgens jeder für sich, abends alle zusammen. In diesem Sinne Grüße aus der Redaktion
  • Gothic schrieb Uhr
    Re: AW: Re: News - Verkehrte...

    "Wahrscheinlich kann man den Kids auch den Sound einer Bohrmaschine und das reingemischte Gelaber von Müllmännern am frühen Morgen als den neuesten Track von Eminem andrehen..." äm, als den neuesten scheiss von Eminem bestimmt nicht aber es gibt ne Musikrichtung, die nennt sich 'Industrial', da passt das wunderschön rein :)

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Verkehrte Netzwelt: Aus der Bahn, 2Pac und Eminem!
Verkehrte Netzwelt: Aus der Bahn, 2Pac und Eminem!
Irgendwann musste es soweit kommen. Die Technik siegt über den Menschen, nimmt ihn für sich ein, beherrscht ihn. Lange genug haben wir sie versklavt, jetzt schlägt sie zurück. In Form von MP3-Musik auf Mobiltelefonen..
http://www.netzwelt.de/news/74141-verkehrte-netzwelt-bahn-2pac-eminem.html
2006-05-19 16:40:00
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Verkehrte Netzwelt: Aus der Bahn, 2Pac und Eminem!