Offenes Lexikon in Gefahr

Wikipedia: Nur noch für registrierte User?



08.12.2005 08:22 Uhr

Das Wikipedia-Konzept ist ein Erfolgsmodell. In kürzester Zeit ist die auf einem Wiki-System basierende Enzyklopädie Wikipedia zum wohl erfolgreichsten Lexikon der Welt aufgestiegen. Erhältlich ist sie in fast jeder wichtigen Sprache der Welt und der Surfer kann im Vorbeisurfen Artikel ergänzen oder korrigieren. Der Nachteil: Der Missbrauch häuft sich. Dem will die Wikipedia-Gemeinde jetzt einen Riegel vorschieben.

Obwohl das Wikipedia-Konzept eigentlich kaum zulässt, dass Inhalte der Online-Enzyklopädie zerstört werden, gibt es immer wieder Experten, die der Ansicht sind, sie müssten Artikel schreiben, die wahlweise falsch oder sogar beleidigend sind. Zwar gibt es selbsternannte Administratoren, die solchen Machenschaften Einhalt zu gebieten versuchen, mit der Zahl der Artikel nimmt aber auch die Chance zu, dass die ein oder andere hinterlistige Änderung unbemerkt bleibt. Das Resultat: Die Wikipedia begibt sich auf das dünne Eis internationaler Juristerei.

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Kompliziert oder einfach seltsam

Und es gibt noch ein weiteres Problem, mit dem das freie Lexikon zu kämpfen hat: Viele Artikel werden von Hobbyisten oder Experten geschrieben, andere von Spaßvögeln. Das Resultat ist, dass manche Artikel extrem ausführlich, aber für Otto Normal kaum verständlich sind, während wieder andere keine drei ganzen Sätze enthalten und den Leser mit mehr Fragen zurücklassen, als er vor dem Genuss des Artikels hatte.

Jimmy Wales, Wikipedia-Gründer, hat nun die Notbremse gezogen - zumindest in der englischen Ausgabe der Wikipedia. Um die Qualität zu gewährleisten, dürfen nur noch registrierte Anwender neue Artikel im Lexikon anlegen. Dadurch werden die zahlreichen überflüssigen und doppelten Einträge verfolgbar und notfalls diskutierbar. Diese Diskussion fehlte bei der bisherigen Vorgehensweise, bei der sich wirklich jeder am Ausbau der Wikipedia beteiligen konnte. Nun dürfen nur noch bestehende Artikel ohne Login geändert werden, wer sich selbst in die Wikipedia eintragen möchte, muss sich vorher anmelden und ist dadurch leichter verfolgbar. Wales hofft, durch diese Maßnahme das qualitative Niveau der Enzyklopädie zu verbessern.

Rufmord und falsche Fakten

Hauptauslöser für die Änderung im Wikipedia-Konzept ist die Debatte um den US-Journalisten John Seigenthaler senior, der in seiner Biographie in der Wikipedia schwere Fehler feststellte. So wurde er als Mordverdächtiger bei den Kennedy-Morden bezeichnet. Seigenthaler beklagte diesen Umstand als "Rufmord" in der US-amerikanischen Tageszeitung "USA Today", mit dem Erfolg, dass die Wikipedia-Organisation unter Druck geriet.

Trotz der Beliebtheit des Online-Lexikons kann sich aufgrund der offenen Struktur eines Wikis nicht auf die Einträge in der Wikipedia verlassen werden. Oft fließen populäre Fehlansichten in das Lexikon ein, die, weil sie eben populär sind, auch nicht korrigiert werden. So kann sich falsches Wissen geschickt um den Erdball und über Artikel verbreiten, bis sich irgendwem die Haare sträuben und er den Artikel endlich korrigiert. Die demokratische Struktur der Wikipedia macht es zudem schwer, dass sich einzelne User, die das richtige Wissen haben, gegen eine ganze Gruppe von Anwendern mit der falschen Meinung durchsetzen können.

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Kommentare: Wikipedia: Nur noch für registrierte User? (4)

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Thema: News - Wikipedia: Nur noch für registrierte User?

Ulrich Fuchs
08.12.05 10:26

Das Problem der Wikipedia sind leider nicht die anonymen Benutzer. Das Problem der Wikipedia sind die Vielzahl der angemeldeten Benutzer, die nicht verstanden haben, dass zu einer Enzyklopädie mehr dazu gehört als nur möglichst viele Artikel möglichst gut untereinander zu verlinken und mit vielen bunten Bildern zu versehen. Das Problem der Wikipedia ist eine Benutzschar, denen der Schein wichtiger ist als das Sein, die auf die Qualität der Inhalte kaum Wert legen. Bestenfalls 1% aller Änderungen in der Wikipedia fügen einem Artikel mehr als einen Satz hinzu, größtenteils bestehen die Änderungen in Umklassifizierungen, optischen Verschönerungsaktionen etc. Das erhöht natürlich das Rauschen, und so fallen die vielen Verschlimmbesserungen erstens kaum noch auf, und zweitens kommen die wenigen, die sich noch für Inhalte interessieren, nicht mehr nach, die Artikel zu beschützen.

Dieses Problem war schon seit langem absehbar, da aber Masse in der Wikipedia stets vor Klasse geht, wurde nicht gegengesteuert. Warnungen, dass genau das passieren würde, was jetzt passiert, wurden in den Wind geschlagen.

Bereits vor über einem Jahr habe ich die Arbeit an der Wikipedia aufgegeben und ein neues Projekt vorbereitet. Im April diesen Jahres habe ich mit einigen Mitstreiterinnen und Mitstreitern auf http:www.wikiweise.de dieses neue Projekt Wikiweise gestartet. Auch wir verwenden ein Wiki, auch wir erstellen eine freie Enzyklopädie. Allerdings legen wir Wert auf wissenschaftlich tragfähige Arbeitsweisen, auf Inhalte und nicht auf optischen Schnickschnack. Zur Sicherstellung einer produktiven und fairen Arbeitsatmosphäre verlangen wir von Anfang eine Anmeldung unter Angabe des Klarnamens. Annähernd 2000 Artikel sind bereits erstellt, das Projekt ist aus den Startlöchern heraus. Mitstreiter(innen), die sich mit unseren Werten und Zielen identifizieren, sind immer herzlich willkommen.

Ulrich Fuchs
Wikiweise - besser zu Wissen


Tweek
09.12.05 10:05

Zitat:

Projekt Wikiweise


Das ist doch ein prima Ansatz. Das Problem ist nur, dass man auf der Suche nach einem Begriff wie "Auto" statt "Automobil" folgende Ergebnisse bekommt:

Statussymbol (Treffergewicht: 1.0)
Biographie (Treffergewicht: 0.7)
Wikiweise:Suchfunktion (Treffergewicht: 0.5656854)
Literatur (Treffergewicht: 0.29999998)
Eichmann, Adolf (Treffergewicht: 0.25)
Debussy, Claude (Treffergewicht: 0.14999999)
Mann, Thomas (Treffergewicht: 0.125)

Das ist nicht so gut, würde ich sagen. Und 2000 Einträge sind auch nicht *sooo* viel, verglichen mit den über 200.000 der deutschen Wikipedia...


Anonym
13.04.06 20:44

Trotz aller dieser Probleme ist Wikipedia ungemein wichtig für alle Lernenden. Auch in den gelehrtesten Fachbüchern steht oft haasträubender Unsinn, der erst nach Jahrzehnten entdeckt wird - dennoch hat er uns weitergebracht, wenn vielleicht auch nur als Grundlage für Verbesserungen. Andrerseits kann etwas, das heute (warum auch immer) als falsch angesehen wird, eines Tages doch als richtig erkannt werden - ein in der Wissenschaft oft ablaufender Vorgang!

Vorschlag: Schaffung eines separaten "Pools" für nicht autorisierte Artikelschreiber; die dort enthaltenen Artikel könnten separat zur allgemeinen Begutachtung und Abstimmung sowie zur fachlichen Beurteilung ins Netz gestellt werden.


Tweek
18.04.06 09:49

Zitat:

. Andrerseits kann etwas, das heute (warum auch immer) als falsch angesehen wird, eines Tages doch als richtig erkannt werden - ein in der Wissenschaft oft ablaufender Vorgang!



Man darf aber nicht vergessen, dass in der Wikipedia entweder Freaks unterwegs sind oder Schwarmwissen verwertet wird. Das Niveau der Einträge schwankt stark und man merkt nicht selten, ob der Autor ein Fan, Fachmann oder einfach Wissender ist.

Beispiel: Physikalische Themen werden gerne mal so ausgiebig beschrieben, dass der Laie nicht mehr verstehen kann: http://de.wikipedia.org/wiki/Elektronen
obwohl es auch anders geht:
http://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Relativitätstheorie

Wieder andere Artikel überfluten den Leser mit zum Teil unnützer Spezial-Information, siehe:

http://de.wikipedia.org/wiki/Emo oder

http://de.wikipedia.org/wiki/Hip_Hop_%28Musik%29

Deshalb halte ich eine grundsätzliche Beschränkung der Wikipedia durchaus für sinnvoll. Statt jeden Deppen jeden Artikel überarbeiten lassen zu können, sollte es eine Art Chefredaktion geben, die die Artikel letztlich abnimmt.

Gruß,
Christian


(4) Kommentare

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