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Probino: Vom Rechnungs-Bazillus in deutschen Briefkästen
Die Geschäfte der newadmedia

von Alex Leinhos Uhr veröffentlicht

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Nie bestellt. Nie geordert. - Und trotzdem sollen sie zahlen. Hunderten von Internet-Nutzern flattern in diesen Tagen Rechnungen ins Haus. Für Dienstleistungen, die sie nie in Anspruch genommen haben. Netzwelt über die Hintergründe und Hintermänner einer womöglich so perfiden wie einträglichen Geschäftsidee.

Nie bestellt. Nie geordert. - Und trotzdem sollen sie zahlen. Hunderten von Internet-Nutzern flattern in diesen Tagen Rechnungen ins Haus. Für Dienstleistungen, die sie nie in Anspruch genommen haben. Netzwelt über die Hintergründe und Hintermänner einer womöglich so perfiden wie einträglichen Geschäftsidee.

Der Tünnef- und Tand-Versand bittet zur Kasse
Bartosch B. staunte nicht schlecht, als er vor einigen Wochen die Rechnung der newadmedia aus Hochheim in seinem E-Mail-Postfach fand. 84 Euro wollte das Unternehmen von ihm haben - weil B. sich angeblich für deren Dienst auf www.probino.de eingetragen haben soll. Den jungen Crailsheimer wundert’s, kennt er doch weder die Hochheimer noch deren besagte Internetseite.

B. schaut nach und entdeckt: Hinter probino.de versteckt sich ein "Warenproben und Gutscheine"-Dienst. O-Ton: "Wir suchen Monat für Monat die besten Produktproben und Gutscheine für Sie heraus und tragen Sie für nur 7 Euro ein. Sie müssen nichts weiter tun, als auf Ihre Produktproben und Gutscheine zu warten." Wer sich einträgt, muss sich in einem Abo für zwei volle Jahre binden. Der monatliche Kundenbeitrag ist laut AGB "für jeweils 12 Monate im Voraus fällig".

Sturheit im Taunus: Wer nicht pariert, wird inkassiert
Bartosch B. ist sich sicher: "Weder habe ich jemals jene ominöse Proben-Seite besucht, noch mich dort irgendwo eingetragen." Was also will man in Hochheim von ihm? - Wie sich herausstellen wird, nur sein Bestes: sein Geld. B. will sicher gehen: "Umgehend schrieb ich an newadmedia und widersprach der Forderung per Fax und per E-Mail. Ohne Erfolg - im Taunus wollte man nicht einlenken…"

Dafür kam aber nach einiger Zeit ein gesalzenes Inkasso-Schreiben! - Bartosch: "Plötzlich schrieb mir dann eine Firma Proinkasso GmbH. Sie kämen im Namen der newadmedia. Trieben die Forderungen für die Hochheimer ein. Und aus den 80 Euro waren auf einmal 160 Euro Kosten geworden. Da ist mir der Kragen geplatzt und ich bin zum Anwalt."

Tragikomisch: Die Mär von der digitalen Signatur
Wie Bartosch B. geht es im Moment Hunderten von Internet-Nutzern: Wer gegen die Rechnungen Einspruch erhebt, bekommt entweder gar keine Antwort, oder newadmedia rät den Betroffenen umgehend zu zahlen. Man habe deren IP und Einwahlzeit gespeichert. Das verstehe sich als "digitale Signatur" - kompletter Nonsens!

Die Betroffenen kommen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Österreich und der Schweiz. Die dortigen Verbraucherzentralen registrieren jetzt immer mehr newadmedia-Beschwerden. Allein der österreichischen Verbrauchervereinigung ombudsmann.at liegen über 100 Beschwerden vor. Ihr deutsches Pendant ombudsmann.de hat inzwischen über 60 Eingaben erfasst. Rechtsanwalt Dieter Kublitz, Verantwortlicher der Schlichtungsstelle dazu:

"Das ist einer der vielen Tricks, an das Geld anderer Leute zu kommen. Von Zufall oder einem bedauerlichen Fehler kann hier keine Rede sein - dafür berichten zu viele Leute einstimmig von der gleichen Machart. Die Masche ist gezielt, hier versucht jemand, dreist zu kassieren; wahrscheinlich sogar auf strafbare Art und Weise."

Doch wer steckt hinter der Firma mit den dubiosen Rechnungen? - Eingetragen ist die newadmedia als Gewerbe eines Michael C. im hessischen Hochheim. Im Internet erscheint jedoch auch sein kaum zwanzigjähriger Sohne Brian als Ansprechpartner. Seit neuestem wird jener Brian sogar auf den Inkasso-Schreiben als Firmen-Inhaber geführt. Eine Bezeichnung, die das zuständige Gewerbeamt in Hochheim laut Nachfrage Ende November 2005 ganz und gar nicht nachvollziehen konnte.

newadmedia: Komplett an den Falschen geraten
Definitiv an den Falschen geriet Brian C. mit seinen ominösen Rechnungen bei Dariusz K. Auch er hatte nie bestellt und sollte dennoch zahlen. Der Unterschied: Der Deidesheimer beobachtet die Machenschaften des Unternehmens bereits seit geraumer Zeit, kennt viele Hintergründe - fast ein Hohn, dass man es bei ihm jetzt auch noch versuchte.

Experten gehen von einem Netzwerk aus
Dariusz: "Wir müssen definitiv von einem Netzwerk ausgehen. Neben ungerechtfertigten Rechnungen machen die dubiosen newadmedia-Projekte auch noch durch gehörig Spam von sich reden. So verschickte bis vor kurzem noch ein 17-jähriger Ludwigshafener probino-Werbemails mit personalisiertem Abmeldelink. Wer darauf klickt, hinterlässt seine E-Mail inklusive IP-Adresse. Also genau die Daten, die newadmedia immer als angebliche Beweisführung für den Abschluss eines Abos verwendet. Irgendwem muss der Minderjährige damit ans Bein getreten haben, denn seine Domains wurden jüngst abgestellt."

"Kurz zuvor war schon einmal ein Spammer im Namen probinos unterwegs; und zwar um Längen dreister: Er verschickte probino.de-Anmeldeformulare - schon fertig ausgefüllt mit allen Personendaten des Empfängers; einzig und allein Telefonnummer und Geburtsdatum waren dort nicht eingetragen. Was ebenfalls fehlte: Der Verweis aufs Zwei-Jahres-Abo und die entstehenden Kosten."

newadmedia: Auch noch in Spam verwickelt?
"Die Auswertung des E-Mail-Headers ergab: Versender der Werbeflut war ein Lutz O. von cyrus media. Eben jener hatte am 17.05.2005 auf affiliate.de einen Werbe-Newsletter angeboten. - Und Brian C. hatte großes Interesse gezeigt. Für mich genügend Anzeichen, dass Herr C. nicht nur mit dubiosen Rechnungen, sondern auch mit Spam Geschäfte macht."

Dass Spammer und newadmedia nicht die einzigen sind, die an der wirren Rechnungslegung mitverdienen, zeigen die Schreiben der Hanauer Firma Proinkasso GmbH. Darin wird die angeblich geschuldete Summe ganz schnell fast verdoppelt - wohlweislich mit Fug und Recht der §§ 284, 286 BGB. Dennoch: Wir wollten wissen, warum die Proinkasso GmbH weiter für die newadmedia inkassiert, obwohl ihr aufgrund der Masse der "Kunden"-Beschwerden doch klar sein müsste, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

Proinkasso: Rechtsunwirksame Forderungen nicht ersichtlich
Antwort: "Ein Vortrag seitens der Schuldner, dass fällige Forderungen angeblich nicht bestehen" gehöre zu ihrem "täglich Brot". Auch sei "bei den vorliegenden Fällen nicht ersichtlich, dass es sich um ganz oder teilweise rechtsunwirksame oder auf sittenwidrige Weise zustande gekommene Forderungen handelt."

Können all diese Verbraucher lügen?
Was kann eine Rechnung für nie bestellte Leistungen anderes sein als rechtsunwirksam? - Dass viele dieser Leistungen tatsächlich nie geordert wurden, legt die große Anzahl von Betroffenen im deutschsprachigen Raum nahe, die sich allesamt gleich einlassen. Für sie ist die Proinkasso-Antwort die verbale Ohrfeige par Excellence: Werden sie mit dem lapidaren "das hören wir täglich" nicht indirekt der Lüge bezichtigt?

Staatsanwaltschaft Wiesbaden: Ermittlungen wegen Betruges
Alles ein großes Missverständnis oder doch hundsgemeiner Betrug? - Das prüft zumindest jetzt die zuständige Wiesbadener Staatsanwaltschaft. Pressesprecher Oberstaatsanwalt Schulte dazu: "Gegen zwei verantwortliche Personen eines Hochheimer Unternehmens ermitteln wir in diesem Fall derzeit wegen des Verdachts des Betruges.

Die mutmaßlich Tatverdächtigen leisten inzwischen polizeilichen Ladungen nicht mehr Folge. Auch über ihren Anwalt fand bisher keine Einlassung statt. Betroffene, die von dieser Firma ungerechtfertigt Rechnungen, Mahnungen oder Inkasso-Schreiben erhalten haben, können sich unter dem Aktenzeichen 3350 Js 26286/05 bei der Staatsanwaltschaft Wiesbaden melden."

Ungerechtfertigte Rechnungen: Das rät der Experte
Bei Vorliegen solcher Rechnungen sofort Anzeige zu erstatten, rät auch Internet-Rechtsexperte und Rechtsanwalt Dr. Alexander Schneehain: "Ist die Leistung nicht beauftragt worden, kann daran auch die schönste Rechnung nichts ändern. Zur Sicherheit rate ich Personen, die eine solche Rechnung erhalten, dem Absender per Postweg ein Schreiben zu schicken und kurz klar zu machen, dass man das Produkt auf der Rechnung nie geordert hat. Obendrein empfiehlt sich eine Strafanzeige.

Auf weiteres würde ich nicht reagieren. Erst beim Eintreffen eines Inkasso-Schreibens würde ich, wenn rechtsschutzversichert, einen Anwalt aufsuchen. Und selbst wenn nicht: Vor Gericht können Personendaten wie Name und Adresse höchstens als Indiz, nicht jedoch als Beweis für einen Vertragsschluss gelten. Und die Beweispflicht hat hier immer noch der Forderungssteller. Und dem wird es sicherlich schwer fallen, einen nicht vorhandenen Vertragsschluss zu beweisen."

Brian C.: Stellungnahme versprochen
Klar ist: Die newadmedia wird auch Kunden haben, die wissentlich und willentlich den probino-Probendienst in Anspruch genommen haben. Auf der Hand liegt aber auch: Hunderte von Betroffenen können wohl kaum allesamt die Unwahrheit sagen. Allein in der netzwelt-Datenbank haben sich binnen fünf Tagen über 70 Personen als von adnewmedia "ungerecht abgerechnet" eingetragen; wohl nur die Spitze des Eisberges. - Eine Erklärung, warum er Internet-Deutschland zurzeit mit dubiosen Rechnungen überzieht und woher er die ganzen Personendaten nimmt, wollte uns Brian C. am Telefon nicht geben. Eine schriftliche Stellungnahme steht noch aus. Wir sind gespannt, was der junge Hochheimer dazu zu sagen hat…

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http://www.netzwelt.de/news/73013-probino-rechnungs-bazillus-deutschen-briefkaesten.html
2005-11-22 20:34:00
News
Probino: Vom Rechnungs-Bazillus in deutschen Briefkästen