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Daten-Wahnsinn: Wo soll das noch hinführen?
Blick in die Zukunft

von Christian Rentrop Uhr veröffentlicht

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Wir schreiben das Jahr 5005. Eine Gruppe von Wissenschaftlern macht sich auf die Suche nach den Überresten einer großen Zivilisation in einer der unwirtlichsten Regionen der Welt: Zentraleuropa. Einige Spatenstiche im Permafrost, schon legen die Forscher erste Artefakte frei. Ein großer, grauer Metallkasten kommt zum Vorschein und hunderte von silbernen Scheiben, die im Sonnenlicht bunt schimmern. "Was ist das?", fragt einer der jüngeren Forscher. "Ein Kalender, mein Sohn, ein Kalender..."

Wir schreiben das Jahr 5005. Eine Gruppe von Wissenschaftlern macht sich auf die Suche nach den Überresten einer großen Zivilisation in einer der unwirtlichsten Regionen der Welt: Zentraleuropa. Einige Spatenstiche im Permafrost, schon legen die Forscher erste Artefakte frei. Ein großer, grauer Metallkasten kommt zum Vorschein und hunderte von silbernen Scheiben, die im Sonnenlicht bunt schimmern. "Was ist das?", fragt einer der jüngeren Forscher. "Ein Kalender, mein Sohn, ein Kalender..."

Diese Szene aus der fernen Zukunft könnte tatsächlich eines Tages stattfinden. Wissenschaftler, die die Spuren unserer Zivilisation ausheben und nichts entdecken, außer einer ganzen Menge silberner Kunststoff-Scheiben und grauen Kisten, deren Inhalt einige Elektronikbauteile, Ventilatoren und kleinere Kästchen mit weiteren Scheiben sind. Die Rede ist von CD-ROMs, DVDs, Festplatten, Speicherkarten und ihren Nachfolgern - Datenträger, deren Zukunft mehr als fraglich ist.

Datenträger: Vom Aussterben bedroht. Quelle: Wikipedia

Wie alles begann

Wir schreiben das Jahr 1990. Die ersten Consumer-PCs werden mit Festplatten ausgestattet. Speicherkapazitäten zwischen 10 und 40 Megabyte sind die Regel, der Arbeitsspeicher eines damaligen PCs, beispielsweise des IBM PS1, beträgt rund ein Megabyte - maximal. Schon bald sollen die ersten CD-ROM-Laufwerke die Rechner erobern und unter dem Stichwort "Multimedia" die Performance-Wünsche der Kunden in bisher ungeahnte Höhen treiben. Keine 15 Jahre später haben sich die Speicherkapazitäten mehr als vertausendfacht. Festplatten mit 250 Gigabyte sind fest etabliert, der Arbeitsspeicher der Rechner hat sich mit einem ähnlichen Faktor vervielfacht, zwei Gigabyte sind keine Seltenheit mehr.

Und der Platz wird dringend gebraucht: Waren 1990 eigentlich nur Office-Dokumente auf einer PC-Festplatte zu finden, ist die Festplatte 2005 eine umfangreiche Daten-Bibliothek. Alles, was sich in irgendeiner Form digitalisieren lässt, wird abgespeichert, meist ohne Gegenstück in der realen Welt. Filme, Digitalfotos, Spiele, Musik, teilweise mit mehreren Gigabyte Dateigröße - da erscheinen die immer noch allgegenwärtigen Office-Dokumente wie Relikte aus einer längst vergangenen Zeit. Und die Entwicklung ist nicht aufzuhalten.

Höher, schneller, weiter

Interessant ist die Kapazitätssteigerung, denn die Laufwerke werden eher kleiner als größer, obwohl der Speicher ständig wächst. Geräte wie der iPod wären noch Ende der 1990er Jahre undenkbar gewesen, sowohl von der Größe, als auch vom Stromverbrauch. Viel Zeit ist seither nicht vergangen. Und das Wachstum kennt kein Ende. Zwar posaunen alle Jahre wieder besserwisserische Wissenschaftler, dass "die Grenzen des Wachstums bald erreicht" seien, zumindest was Speicherdichten angeht. Doch die Computer-Industrie sattelt dann einfach auf andere Materialien um oder verbessert die technischen Grundlagen, schon geht es weiter, oft mit enormen Leistungssteigerungen.

Die digitale Jugend des 21. Jahrhunderts hat freilich ein Problem: Wohin mit all dem gesammelten Kram? Downloads können gelöscht werden, eigene Werke hingegen möchte jeder der Nachwelt erhalten. Und so wird kopiert und gesichert, Digitalbilder und Schulaufsätze, selbst gedrehte Filme und die eigene Website. Alles im Dienste der künftigen Generationen, denn alles, was von einem Menschen bleibt, sind seine Nachkommen und seine Werke. Tief im Inneren weiß jeder Mensch, dass er vergänglich ist und so, wie Oma die alten, vergilbten Fotos hinterlassen hat, möchten auch die Datensammler ihre Nachwelt nicht enttäuschen.

Umkopieren: Der Horror künftiger Generationen

In mancher Fotokiste sammeln sich seit dem Siegeszug der Digitalkamera stapelweise CDs voller Digitalbilder. Das robuste Negativ wurde ersetzt durch die JPEG-Datei, deren Lebensdauer mit der Qualität des Rohlings steigt und sinkt. Das verrückte dabei: Je höher der persönliche Sicherungsaufwand, desto wahrscheinlicher, dass zu den billigsten Rohlingen gegriffen wird. Und die Lebensdauer von Billigware, von CD-Rohlingen überhaupt, ist in keinster Weise ein realistischer Wert sondern eine Schätzung aufgrund von chemischen Verfallsprozessen unter Laborbedingungen. Sporen, Staub, eine zu hohe Temperatur oder Luftfeuchtigkeit am Lagerort und die "mindestens 50 Jahre" sind auf wenige Monate reduziert. Wer nicht schnell genug handelt, die Daten auf ein neues Medium kopiert, hat schon verloren. Ein Teil seiner Erinnerungen ist für immer ausgelöscht.

Die gute, alte 8-Spur-Kassette Quelle: Wikipedia

Doch weniger die Chemie als vielmehr die Industrie spielt vielen Computer-Anwendern einen bösen Streich. Schonmal versucht, ein Word-Dokument zu öffnen, das mit Word 2.0 erstellt wurde? Eben. Sofern das Dokument überhaupt noch existiert, zerschießen aktuelle Versionen des Programms das Layout gnadenlos - sofern sie es überhaupt öffnen. Und was ist mit der Sammlung von 5 1/4"-Disketten? Genau, das waren die großen, die in den C64 kamen. Der allerdings ist bereits vor Jahren über den Jordan gegangen. 5 1/4"-Laufwerke sind im Handel nicht mehr zu bekommen. Und nun? Wer nicht rechtzeitig umkopiert hat, ist aufgeschmissen, die Daten sind für alle Ewigkeiten unbrauchbar, es sei denn, es findet sich noch ein funktionierender C64 und eine Möglichkeit, diesen mit dem PC zu vernetzen.

Was ist eine 8-Spur-Kassette?

Das gleiche Schicksal droht zur Zeit der klassischen 3,5"-Diskette, vielen Streamer-Bändern, eines Tages wohl auch die klassische MC und die MD. DAT ist bereits schwer zu bekommen und wer weiß eigentlich noch, was eine 8-Spur-Kassette ist? Wenn Enkel zufällig Opas Autoradio im Keller finden, werden sie sich fragen, was das für marode Plastikkästen sind. Weniger schlimm betroffen sind die weiter verbreiteten Datenträger, CDs, DVDs, Schallplatten. Für letztere gibt es immer noch einen Markt, allerdings nur, weil einige audiophile DJs meinen, das knisternde Vorkriegs-Relikt sei der CD klanglich überlegen.

Die Silberscheiben haben einen Vorteil: Die Laufwerke sind meist Abwärtskompatibel. Doch das wird auch nur gelten, bis irgendwem eine grandiose Idee kommt, die Technik auszumisten und durch einen anderen Datenträger in einem anderen Format zu ersetzen. Spätestens dann wird die CD-Sammlung genauso unbrauchbar wie die Software-Sammlung für den C64. Für den Anwender heißt das vor allen Dingen eines: Es muss umkopiert werden. Das allerdings ist nicht unbedingt harmlos für die Dateien, auch die angeblich verlustfreien digitalen Kopien können massiv unter fehlerhaften Datenträgern und schlechter Kopier-Software leiden. Anders als die analoge Verwandtschaft wird die Ware allerdings nicht mit jeder Kopie schlechter, sondern versagt eines Tages einfach den Dienst, weil beispielsweise einige Bytes unterwegs verloren gegangen sind.

Der kurze Weg auf den Müll der Geschichte

Die CDs und DVDs jedenfalls werden schon bald ihren Weg auf den Müll der Geschichte finden, die Halbwertszeit einer solchen Technologie beträgt bei Erfolg nicht einmal mehr 30 Jahre. Was wird in 50 Jahren sein? Und in 100 Jahren? Und vor allem: Haben die Enkel im Jahr 2060 Lust darauf, sich mit Opas selbstgebrannten Photo-CDs zu befassen? Haben Sie Interesse daran, ihren pubertierenden Vorfahren bei einer Party im Jahr 2005 zuzusehen, die dank Video-Funktion der Digitalkamera fast lückenlos dokumentiert ist? Wahrscheinlich nicht, weshalb sich spätestens hier der Bruch in der Sicherungskette vollzieht. Schade, eigentlich, denn wenn das Interesse an lang vergangenen Zeiten erblüht, sind die entsprechenden Dateien längst im digitalen Nirwana.

Doch gibt es einen Ausweg aus dem kollektiven Datenverlust? Bei Fotos ist es relativ leicht, Abzüge, Dias und Negative sind, verglichen mit anderen Medien, überaus haltbar. Selbst die Bilder von Uropa haben auf dem Speicher die letzten hundert Jahre überdauert, ohne nennenswerten Qualitätsverlust. Sie müssen zwar auch inzwischen "renoviert", also abfotografiert und neu entwickelt werden, doch dann sind sie bereit für weitere hundert Jahre. Doch wie schaut es mit eigenen Texten aus? Eigenen Videos? Eigenen Websites?

Kaum mehr zu bekommen: 5 1/4 Zoll-Diskette Quelle: Wikipedia

Veröffentlichen, sonst droht der Tod

Hier gibt es nur eine Möglichkeit, seine Werke der Nachwelt zu erhalten: Sie müssen gut genug sein, dass sie in die Öffentlichkeit gelangen. Das kollektive Gedächtnis der Menschheit sorgt schon dafür, dass die Werke erhalten bleiben, ähnlich wie bei den Erkenntnissen von Archimedes, Galilei oder da Vinci. Alles, was nicht in Stein gemeißelt ist, ist im höchsten Maße vergänglich und je größer die Kapazität des Mediums, desto höher seine Vergänglichkeit: Überdauerte der Stein von Rosette mit seinen wenigen Kilobyte Festspeicher problemlos die Jahrtausende, müssen die Werke von diversen Renaissance-Künstlern bereits nach rund 500 Jahren restauriert werden. Bücher aus dem 18. Jahrhundert sind vergilbt und zerfallen bei Berührung. Die wenigsten Schallplatten vom Beginn des 20. Jahrhunderts verrichten noch problemlos ihren Dienst und wer ist noch in der Lage, die Geheimnisse einer Datasette zu enthüllen?

Doch zurück zu den Wissenschaftlern im Jahr 5005. Neben den Silberscheiben findet sich auch das Skelett eines Menschen. Darunter entdecken sie eine Keramikplatte mit einem Aufdruck, der zeigt, wie die CDs bedient werden. Darunter befindet sich ein Spruch in der Sprache der Alten: "Please insert disc". Der Kalender muss also in die Schlitze am Kasten eingeführt werden. Die Wissenschaftler probieren es aus und es geschieht - nichts. Vermutlich ein archaischer Kalender-Ritus. Die Scheiben landen als hübsche Deko in Museen, die Welt von 2005 jedoch bleibt der Wissenschaft weiterhin ein Rätsel.

Kommentare zu diesem Artikel

Wir schreiben das Jahr 5005. Eine Gruppe von Wissenschaftlern macht sich auf die Suche nach den Überresten einer großen Zivilisation in einer der unwirtlichsten Regionen der Welt: Zentraleuropa. Einige Spatenstiche im Permafrost, schon legen die Forscher erste Artefakte frei. Ein großer, grauer Metallkasten kommt zum Vorschein und hunderte von silbernen Scheiben, die im Sonnenlicht bunt schimmern. "Was ist das?", fragt einer der jüngeren Forscher. "Ein Kalender, mein Sohn, ein Kalender..."

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  • Tweek schrieb Uhr
    übertrieben ist das nicht ist alles schon passiert mit den digitalen daten aus der ehemaligen ddr kann heute auch keiner mehr was anfangen weil es erstens keine geräte mehr für die medien gibt und zweitens keiner mehr das format kennt. DDR? Was war das gleich nochmal? :-P
  • Tweek schrieb Uhr
    Was sind denn Veden???
  • Anonym schrieb Uhr
    Re: übertrieben ist das nicht ist...

    Ja-, unsere Zeit wird auf dem Müll der Geschichte landen. Geschieht ja auch nichts besonderes ausser Streitereien und Betrug. Merkwürdigerweise erhalten sich die Informationen die es Wert sind erhalten zu werden. Die Veden z.B. Ist doch gut das der ganze Dreck vergänglich ist.
  • AgentCooper schrieb Uhr
    Ich schätze ebenso die Schallplatten und empfinde diesen Satz: "Für letztere (Schallplatten) gibt es immer noch einen Markt, allerdings nur, weil einige audiophile DJs meinen, das knisternde Vorkriegs-Relikt sei der CD klanglich überlegen." keinesfalls als Beleidigung. Es mag offensiv klingen, aber man sollte sich doch von sowas nicht gleich angegriffen fühlen. Zu den Platten: Mit ihnen ist es für die DJs einfacher zu mixen, zu scratchen und zu pitchen. die Platte hat man direkt unter den Fingern, die CD nicht. Bei der Platte ist also mehr Feingefühl möglich. Coop
  • GreasySpoon schrieb Uhr
    was mir stinkt sind die vielen auseinander driftenden Standards. Irgendwann wird man wohl einen 1000 in 1 Cardreader brauchen (ich weiß ich übertreiben :) ) hehe, das ist wohl war. und im keller noch ein paar alte, kompatible laufwerke als ersatz.
  • Schalplatten schrieb Uhr
    Armselig

    Ja, du bist ein richtig genialer Schreiber. Elegant! Schade daß du Leute beledigst, die Schallplatten schätzen. Armselig!
  • Unregistriert schrieb Uhr
    übertrieben ist das nicht ist alles schon passiert mit den digitalen daten aus der ehemaligen ddr kann heute auch keiner mehr was anfangen weil es erstens keine geräte mehr für die medien gibt und zweitens keiner mehr das format kennt.
  • Anonym schrieb Uhr
    Re: News - Daten-Wahnsinn: Wo...

    was mir stinkt sind die vielen auseinander driftenden Standards. Irgendwann wird man wohl einen 1000 in 1 Cardreader brauchen (ich weiß ich übertreiben :) )
  • Tweek schrieb Uhr
    Wie, "gewohnt übertrieben"? ;-)
  • sava schrieb Uhr
    Re: Re: News - Daten-Wahnsinn:...

    gewohnt übertrieben auch wenn es mal eine ganz nette reise in die vergangenheit ist.
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Wir schreiben das Jahr 5005. Eine Gruppe von Wissenschaftlern macht sich auf die Suche nach den Überresten einer großen Zivilisation in einer der unwirtlichsten Regionen der Welt: Zentraleuropa. Einige Spatenstiche im Permafrost, schon legen die Forscher erste Artefakte frei. Ein großer, grauer Metallkasten kommt zum Vorschein und hunderte von silbernen Scheiben, die im Sonnenlicht bunt schimmern. "Was ist das?", fragt einer der jüngeren Forscher. "Ein Kalender, mein Sohn, ein Kalender..."
http://www.netzwelt.de/news/72562-daten-wahnsinn-noch-hinfuehren.html
2005-09-30 17:10:00
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