Sie sind hier:
 

20 Jahre Amiga: Ein Nachruf
Der Amiga im Wandel der Zeiten

von Christian Rentrop Uhr veröffentlicht

Diesen Artikel weiterempfehlen
SHARES

Totgesagte leben länger. Oder sollte man sagen: Tote sollte man Ruhen lassen? Weder noch, wenn es um den Amiga geht. Der existiert nämlich seit inzwischen rund zehn Jahren in einer Zwischenwelt. Nicht wirklich lebendig, nicht wirklich tot, wird er von seinen Fans unter extremen Einsatz von Zeit und Geld künstlich beatmet und am Leben erhalten. Sterbehilfe steht nicht zur Debatte.

Totgesagte leben länger. Oder sollte man sagen: Tote sollte man Ruhen lassen? Weder noch, wenn es um den Amiga geht. Der existiert nämlich seit inzwischen rund zehn Jahren in einer Zwischenwelt. Nicht wirklich lebendig, nicht wirklich tot, wird er von seinen Fans unter extremen Einsatz von Zeit und Geld künstlich beatmet und am Leben erhalten. Sterbehilfe steht nicht zur Debatte.

Es waren die 1980er Jahre, Mofas und Jeansjacken machten Teenager überall in der Republik glücklich. Die Frisuren waren ähnlich schlimm wie heute, nur ohne Stinktier-Streifen und die Musik war auch noch erträglich. In diese Zeit wurde der Amiga geboren. Ursprünglich als Konsole konzipiert, zog der Hersteller Commodore im letzten Moment die Notbremse und stieß in den boomenden Heimcomputer-Markt vor.

Amiga 1000
Urahn: Der Amiga 1000 (Quelle: Computer Commodore Online Museum)

Erfolgsmodell binnen kürzester Zeit

Der Amiga war ein Erfolgsmodell. Binnen kürzester Zeit schwang er sich auf den Olymp der Computer hinauf, ein Erfolg ohne Frage, was sicherlich auch der seinerzeit überragenden Rechenleistung und dem niedrigen Preis zu verdanken war und der Tatsache, dass der Rechner für damalige Verhältnisse mit rund 1000 Mark, also rund 500 Euro, sehr günstig war.

Doch vor allem das technische Design machte den Amiga zu einem Gewinner: Als Zwitterwesen aus PC und Konsole nutzte er Bestandteile beider Welten. Vom PC schaute er sich die Benutzung eines Betriebssystems, Maus und Tastatur ab, von der Konsole gab es das Kick-Rom spendiert, das die Ausführung von Spielen ohne Betriebssystem erlaubte. Die Tatsache, dass der Amiga für jede Funktion, ob Grafik oder Sound, über souveräne Chipsätze verfügte, machte ihn für die heute jämmerlich erscheindende Taktrate von 7 Megahertz unglaublich schnell. Eine Tatsache, die dafür sorgt, dass erst aktuelle PCs einen Amiga fehlerfrei emulieren können.

Amiga 500
Kultrechner: Der Amiga 500 (Quelle: Computer Commodore Online Museum)

Spieler wechselten zu Windows

Die große Geschichte des Amigas kippte in dem Moment, in dem seine überragenden Multimedia-Fähigkeiten nichts besonderes mehr waren. Als die PC-Welt dank billiger Hardware, Festplatten und Soundkarten begann, den Amiga zu überholen, war der kleine Rechner schnell aus dem Geschäft gekickt. Ehemalige Amiga-Nutzer erinnern sich, dass man wegen Spielen wie TIE-Fighter oder Day of the Tentacle, die nicht mehr für den Amiga veröffentlicht wurden, auf den PC umstieg.

Windows 95 gab dem Amiga Ende 1994 dann endgültig den Todesstoß. Das, was den Amiga und den Mac bis dato vom PC unterschied, war die einfache Benutzbarkeit dank eines graphischen Betriebssystems. Microsoft konnte erst durch Windows 95 mit so etwas aufwarten, vorher war DOS die einzig populäre Alternative auf PC-Plattformen, Windows vor Version 95 war ja ohnehin kein echtes Betriebssystem, sondern ein Aufsatz für DOS.

Untote auf Reisen

Der Amiga hätte eigentlich tot sein müssen, den Heldentot gestorben, zumal die letzten Amiga-Modelle wie der Amiga 1200 und Amiga 4000 zwar wirklich gute Systeme waren, deren großer Nachteil aber ihr hoher Preis war. An dieser Tatsache hatte auch der Mac zu knapsen und so kam es, dass Apple haarscharf am Konkurs vorbeischlitterte, wohingegen die PC-Inflation Commodore in den Ruin trieb.

Nun allerdings geschah das Unfassbare: Statt den Amiga ruhen und in den Olymp der besten Rechner aller Zeiten aufsteigen zu lassen, wurde er am Leben erhalten. Sein Ruf war gut und die Hoffnung, das System wieder neben dem PC platzieren zu können, war latent. Mit dem Erfolg, dass sich immer neue Firmen an lebensverlängernden Maßnahmen versuchten, zum Teil bis zum finanziellen Ruin.

Der Amiga-Fluch

So wechselte Commodore nach der Pleite den Besitzer, die Rechte gingen an den damaligen Vobis-Konkurrenten ESCOM, der kurz darauf pleite ging: Man hatte angekündigt, den Amiga und den C64 neu aufzulegen, was mit Amiga 4000 und 1200 auch gelang. Inwieweit die Pleite mit dem Amiga-Kauf zusammenhing, ist fraglich, allerdings zeichnete sich schnell eine Art Amiga-Fluch ab. Der besagt, dass alle, die sich an der Belebung des Amiga versuchen, zum Scheitern verurteilt sind. Nett ausgedrückt.

Amiga 1200
Erfolgloses Zugpferd: Der Amiga 1200 (Quelle: Computer Commodore Online Museum)

Gateway kaufte die Amiga-Rechte, statt unter dem Firmennamen Commodore wurden die Rechner nun von der Tochtergesellschaft Amiga International vertrieben, mit wenig Erfolg. So kündigte Amiga International diverse Rechner an, die den Amiga zum Leben erwecken sollten, darunter zum Teil progressive Prototypen mit PowerPC-Architektur, wie sie in Macintosh-Rechnern Verwendung findet, auch von einem Amiga 5000 und 6000 war die Rede und sogar von Amiga-Steckkarten für den PC war die Rede. Nichts davon wurde Realität, derweil veraltete das Betriebssystem Amiga OS 3.1 von 1994 zusehend.

Aufstieg zum Idealisten-System

Zwar kam 1999 nach viel hin- und her endlich Version 3.5 auf den Markt, die allerdings konnte weder sonderlich überzeugen, noch verkaufte sie sich wegen der inzwischen doch recht dünnen Basis treuer Nutzer besonders gut. Spätestens, mit gutem Willen, war zum Jahrtausendwechsel endgültig Schluss mit dem Amiga. Oder es hätte Schluss sein müssen.

Doch der Amiga wäre nicht der Amiga, wenn er nicht weiterhin Idealisten angezogen hätte. Die Totenglocken wollten einfach nicht läuten und taten es bis heute nicht. Als 1999 die Amiga-Ära endgültig zu Ende ging, zog Amiga International, inzwischen verkauft und umbenannt in Amiga Incorporation, weiterhin halbe Asse aus dem Ärmel. Es war die Rede von Amiga OS auf Linux-Basis und der Veröffentlichung des Betriebssystems als Open Source.

Lötnähte überall

Die klassische Hardware war bereits zusehends am verwesen und wurde nur noch von Lötnähten zusammengehalten, als er dann tatsächlich 2003 erschien, der Amiga One. Der Amiga One war kein kompletter Computer, sondern ein Mainboard mit Prozessor, entwickelt von der britischen Firma Eyetech. Statt eines Intel-Chips oder Motorola-Chips steckte eben ein PowerPC-Prozessor im Sockel, der aktuell mit Taktraten von bis zu 1,1 Gigahertz verbaut wird. Erfolgreich ist er nur bei Freaks.

Inzwischen hatte sich das Amiga-Erbe ordentlich verstreut. Auch die Betriebssystem-Umgebung, Ende der 1980er Jahre ein unglaublich fortschrittliches Betriebssystem mit 32 Bit und Multitasking-Fähigkeiten und grafischer Benutzeroberfläche, war inzwischen gespalten. So gab es zwei Ansätze zur Fortentwicklung: Ziel von Amiga Inc. war die Fortentwicklung von Amiga OS im klassischen Sinne, also auf Basis des Motorola-Prozessors oder des Power-PCs.

Auf zu neuen Ufern

Der andere Ansatz war die Weiterentwicklung auf Basis aktueller Hardware, zum Beispiel Intel-Plattformen. Dazu zählt sowohl das Open-Source-Projekt AROS, das Amiga Research Operating System, als auch das inzwischen ebenfalls kaum noch beachtete MorphOS. Im Grunde geht es darum, ein zum letzten "offiziellen" AmigaOS 3.1 kompatibles Open-Source-Betriebssystem zu schaffen. Allerdings sind die Lager der Entwickler zerstritten und man kommt nur schwer voran.

Amiga 4000
Glücklos: Amiga 4000 (Quelle: Computer Commodore Online Museum)

Inzwischen schreiben wir das Jahr 2005. Noch immer gibt es Idealisten, die sich weiterhin hinter ihre zehn Jahre alten Maschinen klemmen, um den Amiga künstlich am Leben zu erhalten. Der Kultstatus ist weiterhin vorhanden, allerdings zeigt ein Blick auf die News-Websites, dass sich die Entwicklergemeinde an Strohhalme klammert. Der Amiga wird, auch dank inzwischen extrem uneinheitlicher Technik wohl kaum noch einmal das Licht der breiten Masse erblicken.

Schluss, aus, vorbei

Nichtsdestotrotz gibt es weiterhin sogar Fachmagazine im Print-Format, auch wenn diese ebenfalls langsam aussterben. Der Amiga hat sich vom Kumpel im Kinderzimmer zu Frankensteins Monster entwickelt, zum Leben erweckte Leichenteile, die irgendwie funktionieren, letztendlich aber nichts anderes wollen als in Ruhe gelassen und nicht zerrupft zu werden. Und selbst die letzten hartgesottenen Fans greifen inzwischen lieber zum PC respektive Mac mit Emulator, als sich den Widrigkeiten der gefledderten AmigaOS-Derivate zu ergeben.

Ach ja: Am 23. Juli 2005 wäre der Amiga 20 Jahre geworden. Am 23. Juli 1985 wurde er der Weltöffentlichkeit präsentiert. 20 Jahre sind eine lange Zeit im Computer-Business. Zeit, in Würde abzutreten.

DSL- & LTE-Speedtest

Testen Sie mit unserem Speedtest Ihre tatsächliche DSL- oder LTE-Geschwindigkeit. Test auch mit Smartphone und Tablet möglich.

Jetzt Testen!

Der große Android-Update-Fahrplan

Welche Android-Version ist für mein Smartphone oder Tablet-Computer aktuell? Der große Android-Update-Fahrplan bringt Licht ins Dickicht der Versionen.

Jetzt ansehen!

Ashampoo-Download-Logo
article
16405
20 Jahre Amiga: Ein Nachruf
20 Jahre Amiga: Ein Nachruf
Totgesagte leben länger. Oder sollte man sagen: Tote sollte man Ruhen lassen? Weder noch, wenn es um den Amiga geht. Der existiert nämlich seit inzwischen rund zehn Jahren in einer Zwischenwelt. Nicht wirklich lebendig, nicht wirklich tot, wird er von seinen Fans unter extremen Einsatz von Zeit und Geld künstlich beatmet und am Leben erhalten. Sterbehilfe steht nicht zur Debatte.
http://www.netzwelt.de/news/71998-20-jahre-amiga-nachruf.html
2005-07-25 15:58:00
News
20 Jahre Amiga: Ein Nachruf