Wie viel Intimität darf ein Spiel haben?
Keusche Killer: kaum Sex, viel Crime
Was für Filmschaffende ebenso normal ist wie für viele Buchautoren scheint die Macher von Computerspielen vor Probleme zu stellen. Gemeint ist die Kombination aus Kill und Koitus - die Erfolgsformel Sex & Crime. Denn so sehr sich die programmierende Zunft auf das Fach Crime versteht, so stiefmütterlich wird in den Spieleschmieden mit dem Thema Sex umgegangen. Selbst im Zeitalter des frivolen Werbewahns, wo kein Nasenhaarentferner ohne sexuelle Assoziation an den Mann gebracht wird, sind Liebe und Erotik in fast allen virtuellen Halb- und Unterwelten tabu.
Das verwundert, denn viele "Babes" kommen offenherziger daher als mancher "Doom"-Zombie nach einer Kettensägenbehandlung im Thoraxbereich. Die Gründe, weshalb viele Spieleentwickler vor allzu nackten Tatsachen zurückscheuen, sind nicht moralischer Natur. Schließlich gehört das Provozieren von Indizierungsverfahren für einschlägige Studios quasi zur Firmenphilosophie. Im Bereich der 3D-Action, wo Verbrechen zu gleichen Teilen bekämpft und begangen werden, bleibt scheinbar kein Platz für Intimität.
Die Gefühlsskala der digitalen Helden wird zu sehr von Rachsucht und Zorn dominiert, das Hormonspektrum scheint erschöpft. Davon abgesehen: Welcher Actionfans sähe es gern, wenn einer Zerstörungsorgie Zärtlichkeit folgt? Ernstlich zu stören scheint es wiederum nicht. Das großartige "Mafia" - nicht gerade für Actionarmut bekannt - traute seiner Klientel immerhin eine romantische Bettszene zu. Zwar war dies so erotisch wie Jabba the Hutt im Badeanzug, aber es war ein Anfang gemacht.
Chefrächer "Max Payne" überraschte eines seiner vielen Opfer gar mit heruntergelassenen Hosen; nicht beim Pinkeln wurde der Todgeweihte gestört, sondern beim Oralverkehr - zum ersten Mal verfolgten Headshot und Cumshot ein gemeinsames Ziel.
Andere Genres legen den Fokus inzwischen gänzlich auf Erotik. Die Flirtsimulation "Singles" geizt im Gegensatz zu den keuschen "Sims" nicht mit nackter Haut. Noch dazu sind die Herrschaften geil wie die Tennislehrer. Gekillt wird über die gesamte Dauer des Spiels niemand, nicht einmal aus Eifersucht.
