Wir werden beobachtet
Gamer-Kolumne: Aus dem Tagebuch eines Sims
Liebes Tagebuch, mir ist heute etwas merkwürdiges aufgefallen. Nicht nur ich habe am 10. März Geburtstag, alle um mich herum scheinen am 10. März Geburtstag zu feiern. Überall an der Uni hat man einander gratuliert, am 10. März, den ganzen Tag über. Was außerdem seltsam ist: meine Freundinnen und ich erleben "Wilde Campus-Jahre", aber keiner von uns hat auch nur die leiseste Ahnung, was vor dem Studium war.
Wieso, zum Beispiel, wissen wir nichts über irgendwelche Kindergartenjahre? Möglicherweise beeinträchtigt das harte Cheerleader-Training das Erinnerungsvermögen. Oder hatte Nancy doch Recht mit ihren Verschwörungstheorien. Hätten wir sie doch bloß nicht ausgelacht und vor die Tür gesetzt, als sie meinte, man würde uns beobachten, uns manipulieren. Jetzt ist sie tot - arme Nancy.
Irgend jemand hat sie bei einem Küchenfeuer verbrennen lassen, nur wer? Vielleicht werden wir ja tatsächlich beobachtet und manipuliert. Immerhin hatte ich in den letzten Tagen außergewöhnlich oft das Bedürfnis, unter die Dusche zu gehen. Und wenn es auch seltsam klingt: ich tat es immer gegen meinen Willen! Das geht jetzt schon so, seit zum ersten Mal diese seltsamen Zeichen am Horizont aufgeflackert sind: "N.U.D.E.P.A.T.C.H." - was das wohl bedeuten mag?
Was mir aber viel mehr zu schaffen macht, sind diese unerklärlichen Aussetzer, diese regelrechten Blackouts. Manchmal habe ich das Gefühl, als ob um mich herum alles dunkel wird und die Zeit stehen bleibt; wie auf Knopfdruck. Und genau so plötzlich geht es irgendwann weiter. Vielleicht ist einer der Professoren mit diesem Phänomen vertraut, obwohl die ja nicht gerade die hellsten sind. Unser Geschichtsdozent wollte uns doch tatsächlich weismachen, unsere Spezies sei fünf Jahre alt! Eine absurde Behauptung. Niemand kann sich so einen extremen Zeitraum überhaupt nur vorstellen!
Im Religionsseminar durften wir uns einen ähnlichen Käse anhören. Eine höhere Macht, die Älteren nennen sie Electronic Arts, wäre der Ursprung unseres Seins. Blödsinn, genau wie diese Ammenmärchen über Vorfahren, die angeblich nur von schräg oben zu sehen gewesen sind. Wieso erzählt man uns das? Die wollen doch alle nur von den wesentlichen Dingen ablecken. Wir sollten uns lieber Gedanken darüber machen, wieso man am Ende unserer Straße gegen eine unsichtbare Wand stößt. Ich will herausfinden, warum dem so ist. Aber vorher werde ich duschen, obwohl ich eigentlich gar nicht will.

Stell Dir vor, Du hast Geburtstag und keiner ruft Dich an. Zugegeben, eine ziemliche Horror-Vorstellung. So fragt man sich schnell, was das ganze Jahr wohl schief gelaufen sein mag. Welche Grund sollte es sonst geben, dass weder Familie, noch Freunde oder Kollegen Glückwünsche zum Geburtstag übermitteln möchten. Vielleicht ist die Antwort viel näher, als gedacht: die letzte Meile liegt nicht umsonst beim Telekommunikationsanbieter.
Vor genau zehn Jahren kam ein Computerspiel auf den Markt, das mit seinen inzwischen drei Ausgaben unangefochten die Verkaufscharts für PC-Spiele anführt: "Die Sims". Einer der Gründe für den Erfolg: Die Soap-Opera zum Mitspielen ist das erste große PC-Spiel, das überwiegend weibliche Spieler anspricht.




