Im Rausch des Kunstbluts

Gamer-Kolumne: Der Vegetarier mit dem Blutdurst

"Lust auf Doom 3?" Der Anruf kam von einem alten Freund mit neuem Rechner. Zwei Stunden später sitze ich zwischen Mensch und Maschine, während hochaufgelöstes Monstermaterial aus einer wassergekühlten Pipeline flutscht. Wir wechseln uns ab, jeder spielt so lange, bis der namenlose Marine im Kampf gegen die Höllenbrut verschlissen ist. Er, Zigarette im Mundwinkel, will gerade abaschen, als ein Feuerimp aus ihm Asche macht. Also bin ich an der Reihe. Nach wenigen Sekunden hält mir der erste Zombie den zersetzten Zinken vor den Lauf. Einen Schuss später sind die Wände ringsum nicht mehr grau. "So stark bluten die im Original aber nicht", merke ich an. Darauf er: "weiß ich, hab einen Bloodpatch installiert." Ich bin baff. Der das sagt, hat den Kriegsdienst verweigert. Was aber viel mehr verwundert: Der Bursche ist Vegetarier! Spätestens hier schlägt der mit beiden Birkenstock-Sandalen fest im Leben Stehende Alarm.

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Ist die übersteigerte Lust auf Kunstblut normal? Oder bedeuten solche Hämoglobin-Hirnis für andere eine Gefahr? Wie verhält sich erst einer, der ein Spiel wie "Doom 3" bluttechnisch frisiert, wenn ihm der Hintermann an der Supermarktkasse versehentlich mit dem Einkaufswagen touchiert? Die Antwort findet sich, wie so oft, in der Vergangenheit. Das Thema Blut hat Menschen seit jeher beschäftigt, fasziniert, verstört. Wo Blut floss, hatten solche, die es gerade nicht vergossen, häufig ihren Spaß. Eine der beliebtesten Disziplinen bei den Olympischen (Ur-)Spielen war ein brutaler, oftmals arg blutiger Faust- und Ringkampf.

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Das Pankration kannte kein Pardon. Nur wer des Gegners Äuglein eindrückte oder kraftvoll zubiss, wurde ermahnt. Die Römer legten in puncto Blutrünstigkeit noch eine Schippe drauf. In den Arenen lechzten Tausende nach menschlichem und tierischem Blut. Später, im Mittelalter, gedachte man schlechte Säfte via Gefäßschnitt abzuleiten. Oft fand der Aderlass vor interessiertem Publikum statt. Der irische Schriftsteller Bram Stoker macht das Blut schließlich zum Treibstoff der Unsterblichkeit. Es darf bezweifelt werden, ob "Dracula" der am häufigsten verfilmte Roman geworden wäre, wenn der gemeine Vampir Gallensaft söffe.

Über die Jahrtausende wurde so viel Blut vergossen, dass sich damit jeder Tag der Menschheitsgeschichte niederschreiben ließe. Und obwohl der Homo Automobilis auch heute noch sensationslüstern in Richtung Unfallstelle gafft, haben sich die Zeiten geändert. Mittlerweile gibt es Kunstblut. Und vielleicht sollte man Menschen, die Spaß an blutigen Spielen und/oder Filmen haben, nicht eher verurteilen, bis man einen Blick in die Bibel geworfen hat. Besonders das Alte Testament trieft vor Blut, was die eisenhaltige Kostprobe aus dem Buch Levitikus beweist:

"Hat er diesen Schuldopferwidder geschlachtet, dann nehme er etwas Blut vom Schuldopfer und tue es auf das rechte Ohrläppchen dessen, der sich der Reinigung unterzieht, auf den Daumen seiner rechten Hand und auf die große Zehe seines rechtes Fußes."

Wow! Das ist der Stoff, aus dem später der Bloodpatch entsteht. Doch zurück zu dem "Doom 3" spielenden Vegetarier im Blutrausch. Dieser hatte, wie ein Überangebot von Waffen zu einer frühen Spielphase verriet, zusätzlich einen Cheatcode aktiviert - und da hört der Spaß nun wirklich auf!

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