Gamer bei der Nahrungsaufnahme
L rennt
Gamer-Kolumne
Er ist kein Unbekannter. In diversen Communities kennt man seinen Namen nur allzu gut, den hier preiszugeben allerdings unfair wäre. Nennen wir ihn deshalb Mario, nein Lars oder besser - weil noch anonymer - schlicht L.
Würde man L auf der Straße begegnen, so läge mit Sicherheit eine Verwechslung vor. Denn L hält sich nicht auf Straßen auf, sein Platz ist am Computer. L ist Anfang 20, real einsam, nicht dumm, nur ein bisschen faul. Wenn er sich überhaupt bewegt, dann zwischen Computer, Küche und Klo.
Obwohl Nachbarn behaupten, L schon einmal rennen gesehen zu haben, verschiebt er sich zu Hause mit der Geschwindigkeit einer Kontinentalplatte. Das liegt daran, dass L in letzter Zeit dicker geworden ist. Der Grund: Essen am PC.
Anfangs hatte er Probleme, mit der linken Hand die Nahrungszufuhr zu koordinieren, zumal es die Augen auf den Monitor zu richten galt. Doch abgesehen davon, dass sich mit den Speiseresten in den Zwischenräumen seiner Tastatur eine mittlere LAN-Party verköstigen ließe, meistert L die Nahrungsaufnahme nunmehr mit links - im besten Wortsinn. Die linke Hand fährt mit der selben Sicherheit von der Chipstüte zum Mund wie die rechte mit der Maus über das Pad.
Obwohl L am Tag dreimal mehr Kalorien aufnimmt als das Doom-Durchschnittsmonster Polygone zur Schau trägt, steht es um seine Gesundheit schlecht; zu viel Junkfood, kaum Obst. Seinen letzten Apfel hatte er vor drei Monaten. Dann stieg er um auf einen PC. Der ist zwar weniger zuverlässig, aber es zockt sich ungleich besser darauf. "Battlefield 1942", "Desert Combat", "Call of Duty" - für einen Kriegsdienstverweigerer hat L reichlich Fronterfahrung.
Wenn das Spiel aus ist, widmet sich L der Kultur. Er sieht sich gern Kinofilme an, die noch nicht im Kino laufen oder lauscht den komprimierten Klängen von Künstlern, deren originales CD-Cover er niemals zu Gesicht bekommen wird. Filme, Spiele, Musik - nichts muss unbedingt gut sein, nur kosten darf es nichts.
Das Internet hilft ihm, sein Leben nach dieser Philosophie auszurichten. Und so lebt es sich gut für L. Noch. Denn schon bald steht ihm ein schwerer Gang bevor: Der Schritt in die Öffentlichkeit! Für L ein grafisch nicht uninteressanter Exkurs, bei dem aber schon das letzte Mal niemand auf ihn schoss. L will sich Geld für eine neue Grafikkarte besorgen, denn beides gibt es nicht bei Kazaa.
Mittelfristig wird er die Wohnung verlassen müssen, um seine Eltern anzupumpen. Diese haben zwar Jobs, mit E-Mail oder Onlinebanking aber nichts am Hut. Also wird L laufen müssen, ihm bleibt keine Wahl. Dann dürfte man L ausnahmsweise auf der Straße sehen. Erkennen wird man ihn sicher daran, dass er es ziemlich eilig hat, wieder nach Hause zu kommen, zurück an seine Sorglosstation, zurück an den heimischen Rechner. Vermutlich wird L rennen, als sei die Realität hinter ihm her.
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