Was war zuerst da: Kopierschutz oder Raubkopie?
Große Kopierschutzreform 2004
Gamer-Kolumne
Dinge verändern sich. Irgendwann war Dieter Bohlen einfach da, Raider plötzlich Twix und Gaddafi kein Verbrecher mehr. Halb so wild, der Mensch gewöhnt sich an alles. Der spielende Mensch, trotz gelegentlichen Anwandlungen von Zerstörungswut eher sensibel, reagiert auf Veränderungen etwas empfindlicher.
Das Jahr 2004 war aus Spielersicht ein dankbares, besonders für Actionfreunde. Doch der beste Shooter des Jahres war nicht nur inhaltlich richtungweisend, auch vertriebstechnisch schlug "Half Life 2" eine neue Richtung ein. Die Entscheidung, zum Schutz vor Raubkopierern eine ellenlange Zwangsregistrierung via Internet zu lancieren, mag kaufmännisch nachvollziehbar sein, über die Maßen Sympathie einbringend ist sie hingegen nicht.
Das Gros der "Half Life 2"-Spieler dürfte jedenfalls so lange mit den Zähnen geknirscht haben, bis die erste Hundertschaft Combines aus dem Weg geräumt war. In Haushalten mit analogem Internetanschluss klang das Geräusch knirschender Zähne entsprechend länger nach. Nicht auszudenken, hätte sich "Half Life 2" als Flop erwiesen. Über Nacht hätten Valve und Vivendi mehr reale Feinde gehabt als ihr Goldesel Gordon Freeman virtuelle je bekämpfen könnte.
Schmerzgrenze zugunsten der Industrie verschoben
Auch Aufbaustrategen wurden 2004 mit Veränderungen konfrontiert. Die fünfte Generation der Siedler greift sehr häufig zur Waffe, dafür aber seltener zum Spaten. Wege und Wirtschaftskreisläufe wurden wegrationalisiert. Dabei rumorte es im sonst so friedlichen Siedlerlager nicht nur aus diesem Grund: Viele sahen sich einem Kopierschutz ausgesetzt, der in seiner Hartnäckigkeit nicht einmal bestimmte DVD-Laufwerke akzeptiert. Immer wieder erhielten Kunden vom offiziellen Support den ernstgemeinten Rat, doch bitte ein neues Laufwerk zu kaufen.
Okay, dann doch eher die Zwangsregistrierung übers Internet. Oder nein, vielleicht lieber ein Produkt, dessen Nutzung keine Orwellschen Überraschungen birgt und ehrlichen Kunden Vertrauen signalisiert. Doch wahrscheinlich ist es dafür zu spät. Die Ursachenforschung für das Mißtrauen zwischen Hersteller und Verbraucher führt zu der Henne-Ei-Theorie; sie führt zu der Frage, was zuerst da war: Kopierschutz oder Raubkopie? Wahrscheinlich betrachtet die Unterhaltungsbranche den Kunden als König, der das Privileg des Königseins irgendwie missvertanden und infolgedessen missbraucht hat. 2004 könnte erst der Anfang gewesen sein. Fest steht, dass sich seit "Half Life 2" die Schmerzgrenze zugunsten der Industrie verschoben hat.
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