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18.08.2002
 

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Just Like Tom Thumb´s Blues

Bob Dylan & The Band

CD Cover Künstler Bob Dylan & The Band
Songtitel Just Like Tom Thumb´s Blues
Genre Rock
Typ mp3
Größe 2,790
Quelle theband.hiof.no
Bewertung
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Dramaturgie eines Konzerts

Dylan vor 40 Jahren: Der junge, dünne Dichtergott mit der näselnden Stimme, dem die Songs nur so zuflogen, der eine riesige Fangemeinde um sich geschart hatte, der sich vor Vereherinnnen nicht retten konnte, das Idol von unzähligen Epigonen (und das mit 25 Jahren), jedes Konzert, das der Mann mit der Gitarre und der Mundharmonika bestritt, wurde zum Hochamt der Protestbewegung, Dylan war auf dem besten Weg, ein Säulenheiliger zu werden. Die bedingungslose Verehrung der Folkgemeinde dürfte dem Meister allerdings nach einiger Zeit ziemlich auf die Nerven gegangen sein. Von Idolen wird leider allgemein verlangt, daß sie sich nie verändern, was man von Dylan, der sich über seine ganze Karriere hinweg niemals in eine Schublade pressen lassen wollte (passierte ihm trotzdem immer wieder), nun wirklich nicht verlangen konnte. Drei hervorragende Alben lang (läßt man das etwas mediokre Debut mal außer Acht) hatte sich Dylan als Strassen - und Protestsänger mit Gitarre und Harmonika stilisiert, nun erinnerte er sich wohl seiner Highschool - Träume, mal in einer Band zu spielen wie Elvis. Gedacht, getan. Dylan holte sich zusätzliche Musiker ins Studio, schnallte sich die Elektrische um und nahm in kurzer Folge die drei Alben auf, die so etwas wie die "Heilige Dreieinigkeit" des Dylan - Kanons bilden: "Bringing It All Back Home", "Highway 61 Revisited" und das einzigartige Doppelalbum "Blonde On Blonde", meiner Meinung nach noch immer das beste Album der Rockgeschichte. Die Elektrifizierung des Dylan - Sounds löste, wie kalkuliert, einen Jubel - und Entrüstungssturm aus. Viele Fans waren ausgesprochen begeistert von der neuen Musik und den poetischer und kryptischer werdenden Texten, an denen die Dylanologen (ich hoffe, dieses Fach kann man irgendwann studieren) seit Jahrzehnten herumdeuteln. Die beinharte Folk - Gemeinde jedoch war von Gesinnungswechsel ihres Idols alles andere als begeistert, man fühlte sich verraten und verkauft, ausgerechtnet vom größten Hoffnungsträger seit Pete Seeger. Kurz gesagt, die Atmosphäre war ziemlich geladen, und Dylan ging auf Tour. Dieses Konzert wurde am 17. Mai 1966 in der Free Trade Hall in Manchester (und nicht in der Royal Albert Hall, wie lange irrtümlich behauptet wurde, das nur nebenbei) aufgezeichnet und gibt ein beeindruckendes Zeugnis der Bühnenpräsenz Dylans zu dieser Zeit und der heftigen Reaktionen der Zuhörerschaft ab. In Amerika hatte man den Schock zum größten Teil schon verdaut, viele Fans waren den Weg mitgegangen, einige hatten sich abgewandt (Pech gehabt). In England sah die Sache noch etwas anders aus. Man wußte nicht,was man zu erwarten hatte, mit steigender Spannung erwartete man die Auftritte des Meisters. Und da steht er, wie man es von ihm gewohnt ist. Alleine, die Gitarre umgeschnallt, mit der Mundharmonika (CD 1). Dieser erste Teil des Konzerts ist unfaßbar intensiv. Dylan spielt ein umwerfendes Set seiner besten Songs und gibt auch neues Material in einer akustischen Version zum Besten. Er beginnt mit "She Belongs To Me", einem seiner schönsten Lovesongs, "Fouth Time Around" und "Visions Of Johanna" werden mit unglaublicher Präzision und Intimität vorgetragen, "It's All Over Now, Baby Blue" spiegelt die Trauer über eine gescheiterte Beziehung wider, ohne Tränenzieherei und falsches Pathos, "Desolation Row", das berühmte Langgedicht von "Highway 61" spielt er ein einer phantastischen Akustik - Version, zum Ende des ersten Teils gibt er zwei seiner größten Hits zum Besten: "Just Like A Woman" und "Mr. Tambourine Man", letzeres ein wenig schludrig, man ahnt, daß Dylan sich von seinem alten Image verabschiedet hatte. Das Publikum wirkt von Song zu Song entspannter, das Idol hatte doch den "Pfad der Tugend" nicht verlassen. Nach jedem Lied wird begeisterter Applaus gespendet und man begibt sich erleichtert in die Pause. Im zweiten Teil des Konzerts (CD 2) schließlich der Schock: Dylan hat die Akustische gegen eine elektrische Gitarre getauscht, auf der Bühne stehen die "Hawks" (später "The Band") und man beginnt mit einer turbogeladenen Version von "Tell Me, Momma". Der Schrecken sitzt. Zunächst ist das Publikum wie gelähmt, man kann es einfach nicht fassen, die Gerüchte sind also wahr, Dylan hat sich an den Rock 'N' Roll verkauft! Während der nächsten Songs ("I Don't Believe You", "Baby, Let Me Follow You Down", "Just Like Tom Thumb's Blues", alle unglaublich intensiv und schlichtweg hervorragend vorgetragen) spaltet sich die Zuhörerschaft. Viele sind begeistert, klatschen mit und bejubeln den "neuen" Dylan. Andere lassen ihrer Wut freien Lauf, es gibt ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert, man versucht, durch Geschrei und Getrampel die Musik zu übertönen, vergeblich natürlich. Was macht Dylan? Der fühlt sich in seinem Element, provoziert zusätzlich mit einer unglaublich arroganten Attitüde, für die man ihn nur entweder hassen oder lieben kann, man höre nur mal die Ankündigung von "Leopard Skin Pill - Box Hat", oder die ironische Bitte vor "One Too Many Mornings", doch bitte nicht zu laut mitzuklatschen. Zum Ende gibt er noch zwei seiner genialsten Songs zum Besten, die für die Situation nicht besser geeignet sein könnten. "Ballad Of A Thin Man", mit einer bis zur Grenze des Erträglichen Spannung vorgetragen, Dylan halb abgewandt am Klavier schleudert immer wieder "Something's happening here, but you don't know what it is, do you, Mr. Jones?" in die tobende Menge. Und zum Schluß hört man eine Rocklegende entstehen. Jemand im Publikum ruft "Judas", erntet von der Wutfraktion begeisterte Zustimmung, von Dylan dagegen die berühmt gewordene Replik "I don't believe you, you're a liar!", dann wendet er sich zur Band um, sagt "Play f***in' loud!" und stürzt sich in die ultimative Version von "Like A Rolling Stone". Mehr geht nicht, ich kenne kein besseres und dramatischeres Live - Album. Eine Dylan - Sammlung ohne dieses Konzert ist nicht denkbar. Dringendste Kaufempfehlung!!!

Bob Dylan Live 1966

die erste hälfte akustisch- die zweite hälfte elektrisch. dylan legt los- she belongs to me aus bringing it all back home. hypnotisch schon mal. bewegende versionen der blonde on blonde klassiker 4th time around und visions of johanna. letzteres in der besten mir bekannten version vorgetragen, traumhaft rythmisch fliessend, ebenbürtig mit den lyrics, in ihrer bekannt leuchtenden wahrheitssprache, sprich, poesie. its all over now baby blue- womöglich die erste warnung für aufmerksame hörer. das großartige gedicht "desolation row" dann, in nuschelnder manier, regnet es unweigerlich auf den zuhörer, nein, nicht auf ihn, in ihn hinein, in sein herz das beinah explodiert ob der symbolik. zehn minuten später eine sehr schöne just like a woman version und dann schliesslich der mr.tambourine man. etwas gelangweilt vorgetragen, muss ich sagen, stört aber nicht, absolut nicht. die zweite hälfte... tell me, momma..."common babe, im your friend!" war er das wirklich noch? überrollt und zertrampelt kommt sich ein großer teil der audienz vor. derweilen will bob doch nur spass haben. und dass er dabei spass hat, merkt man an der explosiven version eines alten liedes. i dont believe you. er deutet das an, was er minuten später direkt ins gesicht sagt. vergewaltigt er etwa folkperlen? nein. baby, let me follow you down. es gelingt ihm. es ist wie ein theaterstück. und so weiter, bis zum ende. ballad of a thin man- er ist da! und mit ihm die band like a rolling stone i dont believe you womöglich das symbolischste kunststück des letzten jahrhunderts. eine abrechnung, gewollt oder ungewollt. eine revolution, beabsichtigt oder unbeabsichtigt. jedenfalls vorgeführt von einem begnadeten KÜNSTLER

Historisch

Eine Zeitmaschine wäre schon etwas Tolles. Interessante Orte und Zeiten könnte man damit besuchen, ewige Mysterien aufklären, zum Zeugen weltbewegender Ereignisse werden ? und natürlich die musikgeschichtlichen Kenntnisse auffrischen. So würde ich mich denn zuallererst an den Abend des 17. Mai 1966 teleportieren, in die Free Trade Hall in Manchester auf einer schönen grünen Insel namens England. An jenem Tag in jener Stadt in jenem Land findet nämlich das wohl berühmteste Konzert der modernen Populärmusik statt. Es stellt nicht nur einen Wendepunkt in der Karriere eines der grössten Künstler unserer Zeit dar, es öffnet nicht nur ein neues Kapitel in der Geschichte der Rockmusik ? es repräsentiert auch ein unglaublich mächtiges künstlerisches Statement und zählt ganz einfach zu den schönsten und berührendsten Aufnahmen, die mir bekannt sind. Der 17. Mai 1966 also. Free Trade Hall. Manchester. Die Beatles haben im Jahr zuvor mit ?Rubber Soul? ihr erstes experimentelles Meisterwerk veröffentlicht und arbeiten an ihrem Geniestreich ?Revolver?. Die Stones ruhen sich noch auf dem grossen ?Aftermath? aus. Am Tag zuvor, dem 16. Mai, wurde ?Pet Sounds? von den Beach Boys veröffentlicht. Ebenfalls am Sechzehnten war die erste Doppel-LP aller Zeiten erschienen: ?Blonde on Blonde?, ein Hit, kreativ wie kommerziell, der einen Bob Dylan auf seinem künstlerischen Zenit zeigte. Dieser Bob Dylan ist jetzt in Manchester. Er muss erschöpft sein, denn hinter ihm liegen Monate des Tourens. Amerika, Australien, Westeuropa. Der krönende Abschluss jetzt in England. Eigentlich könnte alles perfekt sein für Robert Zimmermann ? er ist ein Kritikerliebling, die Intellektuellen mögen ihn, die Jugendlichen halten ihn für das Sprachrohr ihrer Generation ? aber niemand hat ihn gefragt, ob er das auch sein will. Niemand hat ihn gefragt, ob er das Stehaufmännchen mit der Akustikgitarre und der Mundharmonika sein will, das allein auf der Bühne steht und feurige Protestsongs singt. 1965 hatte er mit den beiden erfolgreichen und heute als Klassikern verehrten ?elektrifizierten? Alben ?Bringing it all back Home? und ?Highway 61 Revisited? dem Folkgenre eine Absage erteilt: Auf ?Bringing it all bach Home? sang er in verschnörkelter Beatpoesie zwar noch brav gegen die herrschenden Verhältnisse an, wurde aber ? O Schreck! ? auf den meisten Songs von einer elektrischen Band begleitet. ?Highway 61? glänzte dann mit dem Bluesvirtousen Mike Bloomfield an der lauten E-Gitarre, beinahe konstanter Orgeluntermalung und kryptisch-apokalyptische Texte, die sich schlecht an Happenings grölen liessen. Blasphemie! Der Folk, das Genre der ?Künstler?, der Intellektuellen, hatte in dem jungen Bobbie Dylan seinen neuen Heiligen gefunden, der nun gefälligst dieser Rolle zu entsprechen hatte. Dass er sich an den als kommerziell und vulgär empfundenen Rock ?verkaufte? wurde, vor allem von britischen Fans, alles andere als positiv aufgenommen. So ist es denn auch zu erklären, dass der Abschluss der mehrmonatigen Tour von 1965 und 1966 in England trotz ?Blonde on Blonde? und trotz dem Nummer-1-Hit ?Like a Rolling Stone? nicht ganz so triumphal ist, wie man denken könnte: Mit Beschimpfungen und Buhen sieht sich Dylan an den meisten Shows konfrontiert, sobald er die Akustikgitarre weglegt und die elektrisch verstärkte Hintergrundband auf den Plan tritt. Er lässt sich nicht beirren, aber er würde wohl lügen, wenn er sagen würde, dass die Ablehnung nicht an seinen Nerven zerrt. Von Manchester hat er an diesem 17. Mai nichts anderes zu erwarten als das Übliche auf dieser Tour ? Applaus bei den alten Nummern, Aufruhr bei den neuen. Auf die Bühne tritt er allein. Gott sei Dank, da ist die Akustikgitarre, da ist die Mundharmonika ? erleichterter Applaus ist die Belohnung für den braven Dylan. ?She belongs to me? und die Lennon-Parodie ?Fourth Time around? werden freundlich aufgenommen, aber das Publikum scheint dem Frieden nicht ganz zu trauen. Sendet der dünne Mann auf der Bühne denn nicht verschmitzt-negative Botschaften an die hungrigen Fans? ?She?s an artist, she don?t look back? heisst es im Opener. Beim Gedanken, dass auch der ?artist? Dylan nach seinen jüngsten Ausflügen in das Reich der elektrisch verstärkten Musik nicht mehr zurückschauen könnte, lässt wohl in so manchem ein mulmiges Gefühl entstehen. ?It?s all over now, Baby Blue?, einer der schönsten Songs von Dylan, hört sich hier wirklich an wie ein musikalischer Schlussstrich. ?Es ist vorbei?, sagt Dylan. ?Spielverderber?, denkt das Publikum. Trotzdem: Noch quietscht die Mundharmonika wie sie es sollte, die epischen elf Minuten von ?Desolation Row? lassen in ihrer Eindringlichkeit wohl niemanden unberührt und das wunderbare ?Just like a Woman? klang nie besser als hier. Es wird geklatscht. Den Publikumsliebling ?Mr. Tambourine Man? spielt Dylan dann allerdings leicht nachlässig, dehnt ihn auf qualvolle acht Minuten aus und verhunzt lustvoll die Mundharmonikaparts. Unheilschwanger ist das. Und nun das Erwartete, Befürchtete: Die Akustikgitarre wird entsorgt, die Hintergrundband um den Gitarristen Robbie Robertson betritt die Bühne. Robertson spielt eine Telecaster. Die sind bekannt für ihren besonders bissigen Sound. Das fulminante ?Tell me Momma? wird noch mit zivilisiertem Applaus bedacht, aber spätestens als der Folkklassiker ?Baby, let me follow you down? modern interpretiert wird, reisst irgendwas. Viele klatschen immer noch, das darf man nicht vergessen. Nicht alle stehen Dylans künstlerischer Evolution feindlich gegenüber. Aber für den harten Kern der alteingesessenen Fans, die Ideologen, gibt es wohl in diesem Moment nur etwas, das schlimmer ist als der elektrische Dylan, und zwar einen elektrischen Dylan, der die heiligen Traditionals mit einer Backgroundband neu interpretiert, mit Gitarrensoli und stampfendem Schlagzeug, mit poppigen Orgelklängen. Jetzt wird nicht mehr nur applaudiert, sondern auch rhythmisch geklatscht, um die Band zu verwirren, es wird gebuht, es erschallen Rufe ? ?we want the old Bobby? und anderes, weniger Schmeichelhaftes. Vor ?Leopard-Skin Pill-Box Hat? versucht das Publikum vergeblich, die Band zu übertönen und ein Weiterspielen zu verunmöglichen. Spätestens nach diesem energischen Blues ist klar, dass die auf dieser Aufnahme festgehaltenen Animositäten gegen Dylan nicht allein mit der Musik zu tun haben konnten ? der elektrische Teil des Konzertes ist, selbst wenn man des Meisters geniale Texte subtrahiert ? genialer, dreckiger Bluesrock, getrieben von einer hintergründigen Wut und Aggression, die man so nicht einmal im Punk findet. Nein, die Ablehnung gegen Dylan hat einen eher ideologischen Hintergrund ? die Aussage des damaligen Vorsitzenden der kommunistischen Partei Schottlands, Dylan habe mit seinem Wechsel zum elektrischen Sound das Proletariat verraten, ist symptomatisch für die weltanschaulichen Turbulenzen der Sechziger. Dylan müsste müde sein nach der ganzen Reiserei. Er müsste wütend sein und erschöpft ob der Ignoranz seiner Zuhörer. Aber er lässt sich nicht beirren. Als auch ?One too many Mornings? niedergeklatscht wird, driftet er in eine psychotisch hingenuschelte, völlig unverständliche Geschichte ab und schliesst emphatisch mit ?If only you wouldn?t clap so hard!?, was mit Gejohle quittiert wird. Für die folgende ?Ballad of a thin Man? setzt sich Dylan an die Orgel und rotzt leicht abgewandt vom Publikum den wunderbar passenden Text in den Saal ? ?Something?s happening here, but you don?t know what it is?. Die Botschaft kommt an, genau wie alle vorherigen Botschaften angekommen sind. Man kann es sich nicht vorstellen, aber die Atmosphäre in der Free Trade Hall lädt sich noch mehr auf. Die Luft ist zum Schneiden dick, und durchschnitten wird sie nach ?Ballad of a thin man? tatsächlich: über die Buhrufe, über das Klatschen und Johlen hinweg ist eine Stimme zu vernehmen, die voller Indignation und Wut der Bühne und dem verräterischen Bob das unvergessliche, unsterbliche Schmähwort entgegenschleudert: ?Judas!? Einige scheinen den Ausruf des gesichts- und namenlosen Zuschauers zu akklamieren, dann wendet sich Dylan dem Mikrofon zu und liefert eine Neudefinition von Coolness: ?I don?t believe you?, schnarrt er, als hätte ihn das Wort nicht verletzt, als wäre es an seiner Sonnenbrille abgeprallt. ?You?re a liar?, setzt er nach, und er klingt wie jemand, der sich seiner Sache sehr, sehr sicher ist. Er wendet den Rücken zum Publikum und instruiert die Band: ?Play fucking loud!? Sie entspricht diesem Wunsch und liefert eine trommelfellzerreissende Version von ?Like a Rolling Stone?. Hier ist also der Künstler, der an seine Vision glaubt und im Angesicht der Ablehnung für sie kämpft, und der ganz nebenbei sein Genre transzendiert und revolutioniert. Hier ist also das bedeutendste Konzert der Rockgeschichte. Man kann es kaufen und diese historischen Momente immer und immer wieder miterleben. Man braucht eigentlich keine Zeitmaschine. Das ist irgendwie gespenstisch. Dieses Album ist mehr als die Performance eines Künstlers auf seinem kreativen Höhepunkt. Es ist ein Mythos, der, fälschlicherweise nach der Royal Albert Hall in London betitelt, während dreissig Jahren das berühmteste Bootleg überhaupt war und erst 1998 als CD veröffentlicht wurde ? es ist ein Dokument, ein Dokument der Reifung, der Neugeburt, des Widerstands und des sieghaften Einstehens eines Künstlers und seiner Band für etwas, woran er glaubt.

Da lag was in der Luft

Warum dieses Konzert, das unter Kennern und Dylan-Fans absoluten Legenden-Status inne hat, erst 1998 von Columbia veröffentlicht wurde, ist ein Rätsel, welches jedoch nichts mit der Qualität dieses Konzerts zu tun haben kann. Dass Dylan bei diesem Auftritt gerade dabei war, vom Protestsänger und Vorreiter der Folk-Musik zum Rock'n'Roll-Star zu werden, und dass deswegen viele seiner Fans zu dieser Zeit empört waren, was in dem legendären Judas-Ruf vor dem letzten Song mündete, soll erklärend zur Beschreibung dieser unverzichtbaren CD hinzugefügt werden. Doch auch ohne all das gäbe es keinen Zweifel an der Wichtigkeit dieses Konzerts für jeden Rock/Pop/Folk-Freund. Die erste Hälfte des Konzerts, logischerweise auf CD 1 dokumentiert, zeigt 7 Nummern aus den drei 1965 und 66 veröffentlichten Alben Dylans, welche von musikalischer und textlicher Vielseitigkeit mehr zu bieten hatten als alles zu diesem Zeitpunkt jemals dagewesene. Dylan präsentiert diese Songs, u.a. wunderschöne und unheimlich lange, gerade textlich unglaubliche Werke wie "Desolation row" und "Visions of Johanna", jedoch allein mit Gitarre und Mundharmonika, also quasi im Stil der zurückgelassenen Folk-Zeit. Das ist alles große Musik, steht jedoch im Schatten der Band-Performance auf CD 2, auf der 8 Songs, scheinbar spontan aus dem gesamten Repertoire des Meister-Songschreibers herausgepickt, mit einer Wildheit und einem Schwung vorgetragen werden, die bis dato niemand in dieser Form erwarten konnte. Die E-Gitarren, die Drums, die Rock-Orgel, in mitreißenderer Manier gespielt als jemals zuvor und selten danach, in Verbindung mit Dylan's charakteristischem Gesang und seiner Mundharmonika - ein Sound, der einzigartig ist und bleiben wird, und einfach nur genüsslich von Musikfreunden zu verkonsumieren ist. Dylan hat später nie wieder so gespielt, und wenn man die Qualität dieser Musik erfasst hat, und sich dann die Titelliste ansieht, liest man Titel wie "Tell me momma", "Baby, let me follow you down" oder "Just like Tom Thumb's Blues", Songs, die ansonsten nur absoluten Dylan-Insidern bekannt sein können, und sicherlich nicht das songschreiberisch höchste Gut Dylans. Was wäre nur geschehen, wenn Dylan mit seinen anderen Songs an anderen Abenden so jongliert hätte...vielleicht hat er es sogar getan und nur die damaligen Konzertbesucher haben es mitbekommen...unglaublich. Der Spruch "da lag was in der Luft" ist nirgendwo angebrachter als hier; woher dieses Espirit kam, man weiß es nicht, man weiß nur, es war da, und es beschert uns heute noch ein einzigartiges Hörerlebnis.

Absolutes Meisterwerk

Nicht umsonst ging dieses Konzert in die Geschichte ein. Der erste Teil des Konzertes, nur von Dylan mit der Mundharmonika und Akustik-Gitarre gespielt, mag etwas unauffällig erscheinen. Doch nie zuvor trug Bob Dylan seine Werke so gefühlsbetont und einfühlsam vor. Besonders empfehlen möchte ich an dieser Stelle "Just Like a Woman". Zum zweiten Teil gibt es eigentlich nichts mehr zu sagen, er allein macht das Album zu einem Pflichtkauf.


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