(getestet wurde die Xbox360 Version)
- Entwickler: Wizarbox
- Herausgeber: dtp entertainment
- Genre: Adventure
- Erscheinungsdatum: 12. November 2010
- Sprachenausgabe:
- Untertitel: Deutsch, Englisch etc.
- Sprachausgabe im Spiel: Deutsch, Englisch etc.
- Anzahl Spieler:
- HD-Auflösung: 720p/1080p (hochskaliert)
- Preis: ca. 50 (Amazon.de)
- Altersfreigabe:
- Erfolge: Ja
Gar nicht mal so lange her. Gar nicht mal so lange her als ich in das Regal geschaut habe und mir mal wieder meine Spielsammlung angeschaut habe. Angefangen bei PSX Titeln bishin zu X360 Spielen, auch mal die SNES Dinger durchgeschaut. Und irgendwie ist es immer das Gleiche. (Arcade)Shooter, RPG, Plattformer, Jump'n'Run/Plattformer, Actiondingens. Klar, gibt überaus geniale Spiele darunter, die ich nie mehr im Leben missen will. Aber irgendwie ist mir auch aufgefallen, dass es nicht sonderlich viele Spiele gibt, die eine Geschichte erzählen können. Und was ist das Hauptgenre solcher Spiele? Natürlich, das gute alte Adventure. Heute fast nur noch in Hybridform zu erkennen; Stichwort: Action-Adventure. Das zur Zeit bekannteste Adventure wäre wohl ''Heavy Rain'', wobei auch das eher eine Eintagsfliege wurde. Der Hype hielt sich, man hat es gespielt und erinnert sich daran, aber irgendwann wird es wohl doch in Vergessenheit geraten, da es die Gamingwelt nicht, wie versprochen, revolutioniert hat. Videospiele sind ein perfektes Medium um zu erzählen. Man muss ja eigentlich nur noch 1 und 1 zusammenrechnen. Man hat das Medium, nun braucht man nur noch jemanden der auch gute Geschichten erzählen kann. Denn, eine schlechte Story und langweilige Charaktere ergeben einen Genickbruch für das Adventure. Doch als ich mitbekommen habe, dass Jane Jensen wieder etwas fabriziert wurde ich hellhörig, denn schließlich haben wir ihr die tolle ''Gabriel Knight''-Reihe zu verdanken. Leider ist es nicht Teil 4 der Reihe, sondern was ganz Neues. Skepsis macht sich unter den Fans breit. Jane Jensen hat schließlich einen Ruf zu verlieren. Noch dazu kommt: das alte Entwicklerteam, Sierra On Line, ist nicht beteiligt, sondern der französische Entwickler Wizarbox. Kennt vermutliche keine Sau, wobei die das recht witzige Adventure ''So Blonde'' entwickelt haben. ''Gray Matter'' heißt der neue Titel aus der Feder von Frau Jensen. Läuft die Schriftstellerin zur Höchstform auf oder ist der Titel die Rede nicht wert?
Adventure Ein Genre das ausstirbt?
Ist schon witzig. Also die Sache mit den Ansprüchen. Hat man ein Jump'n'Run in den Händen, will man abwechslungsreiche Level und spaßige Einlagen. Beim Shooter will man raue Action kombiniert mit taktischen Vorgehen, bei Beat'emUps ausbalancierte Charaktere wie auch eine tadellose Steuerung. Reine Adventurespiele hingegen, da ist es etwas schwieriger. Dichte Story, knackige Rätsel. Optik? Kann viel rausreißen, 'Heavy Rain' hat mit einer bombastischen Grafik die Gefühle der Charaktere bestens veranschaulicht. Stimmt die Atmosphäre in Kombination mit der Optik, kann das selbst die flache Story kaschieren. Adventures sind experimentell, und Experimente verkaufen sich schlecht: Was Gray Matter angeht, so ist es ein solches Experiment.
Ich war noch niemals in...London!
Fangen wir ganz vorne an. Zuerst war da eine Frau. Samantha 'Sam' Everett. Dann war da noch ein Mann. Dr. David Styles. Dies sind die Protagonisten des Spieles, die man abwechselnd steuert. Doch wer sind die beiden und was führt sie zueinander? Sam ist eine junge amerikanische Studentin und zugleich eine Zauberkünstlerin, die stets ihr Zauberbuch, ihren Hut und Hasen dabei hat. Eines Nachts gibt ihr Motorrad den Geist auf, sodass sie dazu gezwungen ist in einem finsteren Herrenhaus in einer unheilsschwangeren Umgebung zu übernachten. Dies gehört dem grimmigen Dr. Styles. Fälschlicherweise nimmt der Doktor an, dass Samantha seine neue Assistentin ist. Die junge Frau denkt jedoch nicht daran mit der Wahrheit rauszurücken, schließlich hat sie Geldprobleme und kann die paar Groschen gut gebrauchen. So wird auch gar nicht mehr lange um den heißen Brei geredet; Samantha soll ein paar Oxfordstudenten für ein Experiment besorgen, was sich beim Ruf des Doktors als recht schwierig erweisen kann.
Klingt spannend? Wird es. Aber nicht am Anfang. Der Beginn mag Genrefremden vielleicht Neugier einhauchen, jedoch bediente man sich hier wohl jedem möglichen Thriller/Horror-Klischee. Bei Nacht bleibt das Motorrad in der Nähe eines alten, düsteren Hauses stehen, das von einem skurillen, finsteren Mann bewohnt wird. Ich bitte euch. Aber glücklicherweise erfährt Gray Matter einen Wechsel. Die ersten zwei Stunden allerdings wird man auch nicht viel anderes tun, als durch die zwar hübsch gestaltete, aber trostlose Umwelt zu dümpeln und versuchen Studenten für sich zu gewinnen. Die Aktion ansich uninteressant, jedoch weiß Jane Jensen wie man glaubhafte Charaktere schafft. Selbst unbedeutende Nebendarsteller wie so mancher Student sind komplett durchdacht und leisten einen fabelhaften Job als NPC: Erzeugung von Atmosphäre. Dialoge verleihen dem Spiel die Würze, sind niemals unnötig oder Fehl am Platz. Die fabelhafte englische wie auch deutsche Synchronisation verstärken dabei noch die Authentizität, so wird selbst ein unwichtiger Passant wahrhaft lebendig. Was mit einem holprigen Start beginnt, wird umso besser weitergeführt. Gray Matter erzeugt zwar nicht unbedingt Spannung, aber Interesse für die Charaktere. Es macht Spaß mehr über die junge Samantha wie auch den alten David zu erfahren, auch wenn dessen Charakterdesign stark an Phantom der Oper erinnert! Selbst wenn das allgemeine Design der Charaktere leicht stereotypisch ist, bieten die Protagonisten eine gewisse persönliche Tiefe. So wächst der grimmige alte Arzt einem irgendwann ans Herz, naja, in gewisser Hinsicht zumindest. Jedoch ist die Interaktion mit dem alten Mann etwas langweilig, da man mit ihm so gut wie nie das Herrenhaus verlässt, während man mit Samantha sämtliche Orte abklappern muss, was nicht unbedingt langweilig ist, aber recht langatmig. Und in Kombination mit der grässlichen X360 Steuerung ein wahrer Alptraum.
Da ist die Tante eine Hexe und hat nicht mal einen Besen
''Ja wie jetzt?'' waren meine ersten Worte als ich losgespielt habe. Während die PC Version in bewährter Point-And-Click-Manier abläuft, haben sich die Entwickler beim Xbox360 Port eine alternative Lösung einfallen lassen. Anstatt wie bei sämtlichen anderen Spielen, den Charakter die Umgebung einfach mittels der Analogsticks untersuchen (was nämlich nur beschränkt möglich ist) zu lassen, hat man ein Kreismenü eingebaut, welches per Druck auf die Triggertaste aufploppt. Dies Menü zeigt sämtliche mögliche Interaktionen im Raum an. Praktisch! Denkste. So verändert sich stets die Position jener möglichen Interaktionen auf dem Kreismenü wenn man sich irgendwo hinbewegt. Praktisch? Nein, nicht wirklich. PC Spieler müssen doch auch nur die Maus bedienen, hätte man nicht mit dem linken Stick den Charakter und mit dem rechten eine Art Mauszeiger steuern können? Die Steuerung als gewöhnungsbedürftig einzustufen ist recht untertrieben. Sie ist nicht furchtbar, jedoch kann es schonmal zu kleinen Frustmomenten kommen, wenn es mal schnell gehen muss, und das Kreismenü wiedermal die Interaktionen vertauscht. Auch die Handhabung der Charaktere mittels Controller ist schwammig, was wohl auch am Leveldesign liegt. Teilweise kann man zu einem gewissen Punkt im Raum gehen, während ein anderer Ort an ähnlicher Stelle eine Levelbegrenzung hat und man gegen eine unsichtbare Wand marschiert. Und wie man marschiert. Habe echt nicht gewusst, dass Samantha eigentlich ein preußischer Soldat ist. Zumindest bewegt sie sich so. Steif und langsam. Jane Jensen punktet zwar mit Authentizität, die Sprecher mit Atmosphäre, aber Wizarbox versaut das Ganze mit hölzernen Bewegungen. Ein Vergleich um das näher zu bringen: Wenn Gray Matter ein Auto ist, dann wäre es ein Rasenmäher. Und Stop-Motion Filme hingegen sind Formel 1 Fahrzeuge. Nicht nur die Animation bei der Steuerung, sondern beim Charakterdesign lassen zu wünschen übrig. Kein Brauenheben, kein verstohlener Blick, kein nervöses Lächeln. Solche Dingen stehen im Paradox zu Betonungen bei Dialogen. Es passt einfach nicht, wenn der Synchronpsrecher lacht, das Charaktermodell allerdings keine Miene verzieht. Fehler, die an der authentischen Welt zweifeln lassen.
Shazam! - Und aus dem Hut zaubere ich....
Aber nichts und niemand ist perfekt. Jedoch hätte man sich etwas mehr Mühe geben können beim Gamedesign. Der Charakter Samantha impliziert durch ihren Straßenkünstler-Status, dass die 'Zauber' die man verwenden kann bzw. muss, nur bedingt möglich sind. Langweilig ist jedoch die Realität. Kommt man zu den Passagen, bei denen Zauber verlangt werden, kann man rein gar nichts falsch machen und einfach sämtliche Zauber ausprobieren, bis es einfach klappt. Das stört irgendwie das Spielgefühl. Einfach dasitzen und auf die gleiche Taste zu drücken, da kann ich auch gleich UNO spielen, wobei man da aber noch aufpassen muss. Es wäre weitaus spannender, wenn Sam auf einmal die Utensilien zum Zaubern nicht mehr hat, sie entweder besorgen muss oder alternativ irgendwie anders über das Hindernis kommen muss. Was jedoch gut in Szene gesetzt worden ist, ist die Handhabung der Zauber. Wie man die Tricks einsetzt, kann man im mitgeführten Büchlein nachlesen, jedoch stehen die Zaubertricks dort oft nur grob erklärt drinnen, sodass der Spieler mittels Logik den Trick vollenden darf. Sprich: Bevor man ein Rätsel lösen will, muss der Trick beherrscht werden. Auch läuft der Spaß abwechslungsreicher ab als gedacht, hier mal ein Zaubertrick, dort mal ein kleines Abwechslungsmanöver und später wiederum ein Kartenspiel. Auch wenn man nichts falsch machen kann, langweilig inszeniert ist Gray Matter nicht. Was jedoch des Öfteren an den Nerven zerren wird, ist die Programmierung. Manche Rätsel sind erst lösbar, wenn man mit unbedeutendem NPC XYZ gesprochen hat; will man Item XYZ, welches nicht mal im entferntesten Sinne mit einem Rätsel zu tun hat, aufnehmen, muss man zu NPC ABC watscheln und sämtliche Multiple-Choice-Dialoge abklappern. Technischer Makel.
Was jedoch recht makellos ist, ist das Ambiente. Hübsch gestaltete 2D Umgebung, in die die 3D Modelle implementiert worden sind. Es flammt umgehend das alte Gabriel Knight Feeling auf. Das düstere Herrenhaus wirkt wie aus einem typischen Gothic-Novel, wie auch viele andere Orte. Überhaupt ist die Optik ein Fest, so gibt es für Grafikfetischisten einen Haufen Details zu bemerken, wie sanfte Flussbewegungen oder adäquate Schattenbewegungen; obwohl man deutlich merkt, dass das Spiel schon länger in Entwicklung war/ist, was man wie schon erwähnt an den klotzigen Charakteranimationen erkennt. Man möchte vielleicht meinen, es hätten allgemein bessere und vor allem mehr Animationen der eher monotonen Umwelt gut getan. Gut, bessere Animationen ja, aber genau dieses trostlose verleiht Gray Matter den Charme. In Kombination mit dem herrlichen Score, der niemals penetrant oder Fehl am Platze ist. Selbst in den Comic-Style-Zwischensequenzen drängt er sich nie nach vorne und lässt die Charaktere die Geschichte erzählen, bei der es lohnenswert ist, zuzuhören.
Fazit
Es ist schwierig Gray Matter nicht mit anderen Adventure-Titeln zu vergleichen. Setzt man es zum PS3-Giganten Heavy Rain, ist es noch schwieriger eine klare Kaufempfehlung abzugeben, da beide Titel was für sich haben und Heavy Rain allein mit dem Wiederspielwert mehr Spielstunden aufweist.
Fans des Genre sollte eines bewusst sein: Gray Matter ist kein Gabriel Knight. Es hat hier und da Macken, kann jedoch den Spieler, wenn sie sich auf den Titel einlassen, im wahrsten Sinne des Wortes verzaubern. Die Präsentation und Inszenierung der Charaktere lässt absolut keine Wünsche offen. Das Gameplay ist holprig, die Steuerung mangelhaft, wenn man sich jedoch durchbeißt, hat man ziemlich viel Freude an Gray Matter. Die prächtige Synchronisation haucht dem Spiel leben ein, und wenn man nichts gegen die altbackene Grafik hat, kann ich das Spiel jedem Genrefan und Nichtfan ans Herz legen. Jane Jensen kann es eigentlich besser, aber Gray Matter geht ganz klar durch!
Pro/Contra: (+) Kommt nicht an die Gabriel Knight Reihe an, jedoch tolles Adventure
(+) Nettes Zauberfeature als Samantha
(+) Wunderschöne Umgebung samt herrlicher Detailvielfalt
(+) atemberaubender Score und geniale Synchronisation zur perfekten Untermalung der Atmosphäre
(-) liebloses, optisches Charakterdesign
(-) nervige, kleine technische Macken
(-) Gameplay/Steuerung ist großer Frustfaktor
Wertung
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Story / Atmosphäre :
4 / 6 - Gray Matter braucht einfach etwas Zeit, bis es in die Gänge kommt
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Optik / Grafik :
4 / 6 - Die Welt ist recht, das Charakterdesign eher schlecht
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Steuerung / Gameplay :
3 / 6 - Mit viel Wohlwollen gibt es hier die drei Punkte. Das Kreismenü ist für die X360 eine Zumutung.
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Sound / Musik :
6 / 6 - Die englische/deutsche Synchronisation sucht seines Gleichen; der Score gehört mit zu den Besten die ich hören durfte
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Langzeitmotivation :
3 / 6 - Es lohnt sich definitiv das Spiel durchzuspielen, eine richtige Entscheidungsfreiheit gibt es allerdings nicht und ein erneutes Spielen, bis auf das Erfolge-Sammeln, ist nicht wirklich nötig.
GESAMT : 20/30 Punkten.