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Querschläger unerwünscht
Von Marianne Wellershoff
Wenn das Publikum nicht spurt, werden eben die Regeln geändert: Die "Zweite Chance"-Show des RTL-Castings "Deutschland sucht den Superstar" brachte an den Tag, wie unverhohlen arrogant die Jury ihre Wunschkandidaten in die nächste Runde befördert - Telefonabstimmung hin oder her.
Die Jury war nicht zufrieden mit den Fernsehzuschauern. Denn eigentlich, so hatten Carsten Spengemann und Michelle Hunziker am Anfang der Sendung "Deutschland sucht den Superstar - Die zweite Chance" (Mittwoch, 20.15 Uhr, RTL) verkündet, sollten Jury und Zuschauer jeweils einen Kandidaten aus der Trostrunde für die kommenden Mottoshows auswählen.
Doch dann gingen die meisten Anrufe der TV-Zuschauer für den jungen Philippe ein, der bei den Juroren Dieter Bohlen, Thomas Stein, Shona Frazer und Thomas Bug zuvor durchgefallen war. Die vier Poprichter entschieden kurzerhand, die Regeln zu ändern, und schickten zwei ihrer Wunschkandidaten in die nächste Runde. Damit werden bei der ersten großen "Deutschland sucht den Superstar"-Samstagsshow am 22. November nun 13 Finalisten statt zwölf antreten.
Nach wochenlangem Vorcasten und Recallen zogen Hunziker und Spengemann die Noch-eine-allerletzte-Chance-Sendung im kleinen runden Studio flott durch - fast so, als seien auch sie froh, dass es mit den Vorspielen nun endlich vorbei ist. "Warum tue ich mir das an, 20.000 Leute beim Casting zu sehen?", fragte sogar Bohlen etwas erschöpft, wobei immer noch die Frage nicht abschließend beantwortet ist, wie er und seine Kollegen das eigentlich rein zeitlich geschafft haben. Schließlich wäre die Jury bei einem Zehn-Stunden-Arbeitstag neun Wochen am Stück beschäftigt gewesen, wenn jeder Kandidat zwei Minuten für Vorsingen und Aburteilen beansprucht hätte. Aber vielleicht wird der BMG-Chef Stein ja gar nicht so oft an seinem Arbeitsplatz in München gebraucht, wie man glaubt. In der "Zweiten Chance"-Show legte er dafür eine Art Nachtschicht in Sachen Marketing ein, indem er ein knallrosa Werbehemd seines BMG-Stars Pink trug.
"Ich habe bei dir Gänsehaut"
Welche Kandidaten die Jury in den Mottoshows sehen wollte, war sofort klar: Anke und Gunther. Vor allem aber Anke. Bohlen sagte: "Ich habe bei dir Gänsehaut, ich fand das super, super toll", und Frazer ergänzte: "hammermäßig". Die anderen Kandidaten wurden wie üblich abgeurteilt: "Deine Ausstrahlung kommt böse rüber" (Bohlen über die schwarzhaarige Jenny, die in Yvonne Catterfelds ehemaliger Band singt).
Auch Philippe kam bei den Juroren nicht an. Der blonde Junge, der so verletzlich wie eigensinnig und aggressiv wird und deshalb an den HipHop-Star Eminem erinnert, konnte zwar als human beatbox mit seinem Prusten und Blasen lässig eine ganze Percussiongruppe ersetzen, aber er gefiel der Jury trotzdem nicht - was Philippe mit einem trotzig-rotzigen Blick quittierte. Dass die Zuschauer ihn dann für die Mottoshows auswählten, schien allerdings auch für Philippe ein echter Schock zu sein: Er zuckte zusammen und biss sich verlegen auf den Finger.
Dass die Jury die Zuschauerentscheidung für Philippe offensichtlich nicht respektierte, macht das Konzept von "Deutschland sucht den Superstar" klarer: Es geht nicht darum, den Publikumshelden zu finden, sondern den Zuschauern deutlich zu machen, wen sie gut zu finden haben. Mit anderen Worten: Sie sollen Anke und Gunther lieben - und nicht Philippe. Bei der mit aller Macht und vielen Werbeblöcken propagierten Telefonabstimmung scheint es tatsächlich nur um eines zu gehen: möglichst vielen Zuschauern 49 Cent pro Anruf aus der Tasche zu leiern.
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