| Gastposter | Bin schon sehr früh, muß wohl so um 1995 gewesen sein, durch die damals so ziemlich einzigen Internetprovider AOL und t-online (oder waren es gerade die einzigen, ich weiß es nicht mehr?!) ins Internet vorgestoßen. Zum Aufrufen von webseiten gab es damals noch Hefte mit Adressen, die man mühsam von Anfang bis Ende per Hand eintippen mußte, das alles mit einer Modemgeschwindigkeit von zuerst 7.200, dann 14.400kb/S. Als "Sahnestück unter den Modems", so entsinne ich mich noch, wurde mir dann irgendwann mal im Media-Markt ein auf der Spitze der seinerzeitigen Technologie stehendes 28.800kb Modem angeboten! Die Abrechnung erfolgte natürlich per Minutentakt.
In der Anfangszeit hatte ich beide drauf: AOL und t-online. AOL gefiel mir jedoch besser und ich begann langsam mit immer mehr zunehmendem Interesse, die chaträume von AOL zu besuchen. Es ging damals noch weitestgehend zivilisiert zu. Die chats waren interessant und es wurde fast gar nicht herumgeblödelt (heute ja eigentlich nur noch!).
Irgendwann, zu Beginn des Jahres 1997 muß es wohl gewesen sein, erhielt ich plötzlich während eines chats ein Telegramm in Englischer Sprache. Völlig unverdächtig und harmlos seinerzeit. Ich antwortete und wurde gebeten, einem US-Amerikaner aus dem Bundesstaat Delaware etwas über Deutschland zu erzählen bzw. ihm Fragen zu beantworten. Er war, so stellten wir schnell fest, in etwa in meinem Alter und hatte seinen military-service Ende der 60´er Jahre in Deutschland abgeleistet, just zu der Zeit, in der auch ich meinen 18-monatigen Wehrdienst hier abgeleistet hatte. Trotzdem konnte er, von "Prost", "Danke" und "Bitte" abgesehen, kaum ein Wort Deutsch. Wir begannen sodann, mails auszutauschen und damit, uns regelmäßig an den Wochenenden morgens gegen 5.00 Uhr, 23.00 Uhr seiner Ortszeit, zum Direktchat zu treffen. So stellten wir außerdem schnell fest, daß unsere Interessen nahezu identisch waren. Angeln, Basteln, Flugzeuge etc..
Irgendwann fragte er mich dann mal, ob ich nicht Lust hätte, ihn gemeinsam mit meiner Frau zu besuchen. Wir bräuchten uns nur ein Flugticket nach Washington zu besorgen, er würde uns dort abholen und alles andere würde er regeln, selbstverständlich könnten wir auch 14 Tage bei ihm wohnen.
Gesagt, getan. Im Juni 1999 flogen wir nach Washington. Natürlich kannten wir ihn schon von Bildern her. Ich selbst allerdings hatte zu der Zeit noch keine Digitlkamera. Am selben Abend, an dem wir morgens in Hamburg gestartet waren, trafen wir dann in Georgetown/DE ein. Er hatte gemeinsam mit seiner Frau alles, aber auch wirklich alles für uns vorbereitet und es begannen herrliche 14 Tage für uns. Auch die Nachbarn kamen, um den Gästen aus Deutschland ihre Aufwartung zu machen. Vom Lebensstandard her trennten uns Welten: Prächtige Villa, truck mit Hänger und 225HP Boot zum Fischen, in der Garage als Hobby ne nagelneue Corvette, zum täglichen Gebrauch für jeden von beiden ein weiteres Auto. Er war (heute ist er im Ruhestand) Vice-President einer Bank in Wilmington/De.. Auf unserem Zimmer fanden wir eine persönliche Einladung des Senators von Delaware zu einem Besuch des Weißen Hauses vor, da sind wir dann natürlich auch ein paar Tage später hingefahren.
Mindestens an jedem zweiten Tage waren wir irgendwo in der Delaware Bay, der Chesapeake Bay oder auf dem freien Ozean zum Fischen. Dazwischen machten wir Ausflüge wie z.B. nach Norfolk/VA, dem größten Marinestützpunkt an der Amerikanischen Ostküste, in viele Museen, speziell aus dem Bereich der Fliegerei, in Reservate der wenigen dort noch verbliebenen Ureinwohner oder auch an Küstenstädte wie Ocean City mit den Attraktionen, gegen die die während der Kieler Woche hier angebotenen Dinge nicht mehr als ein Scherz sind. Die Zeit verging viel zu schnell und der Abschied war schwer. Natürlich stehe ich mit meinem Freund heute noch in Kontakt. Leider hat er es bislang nicht geschafft, seine Frau mal zu überreden, auch mal nach Deutschland zu kommen. Im übrigen kam ja auch 9eleven dazwischen.
Kleines Schmankerl am Rande noch: Als der Nachbar einmal zu Gast war, holte J. sein handy hervor, zeigte darauf und fragte ihn:"What do you think how he calls this?" Achselzucken des Nachbarn. J. daraufhin:"Handy!!!", worauf beide einen fürchterlichen Lachanfall bekamen. Das Wort war (zumindest zur Bezeichnung eines mobile- oder cellphones) völlig unbekannt.
Das alles, wie gesagt, habe ich dem Internet zu verdanken.
Gruß
antiTank |