München: Big Brother's Mautsystem

Alt 24.05.2004, 10:57   # 1
Redakteur
 
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Es ist manchmal schwer, Politiker bei den Grünen zu sein. Schlimm genug, dass man auf offener Straße als Ökofaschist, Steinewerfer oder Althippie bezeichnet wird. Viel unangenehmer ist allerdings, wenn sich zwei politische widersprechen. Da hilft dann, wie im Fall der PKW-Maut für die Münchener Innenstadt auch nicht, schnell mal einen Tee zu kochen und drüber zu diskutieren.

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Alt 24.05.2004, 11:11   # 2
redcloud
 
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RFID :cry: ...und wenn ich wie gehabt auch in 10 Jahren noch Fahrrad fahre, habe ich schon wieder einen Punkt mehr auf meiner "Verdächtige Personen"-Liste, weil an der Stelle nicht im Raster erfasst?...
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Alt 25.05.2004, 10:46   # 3
mc.checker
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Hi,

ein paar Details zu dem Projekt:

1. Alle RFID-Chips im Fahrzeug scannen:
einen RFID Chip in einem noch dazu fahrenden Fahrzeug auszulesen ist extrem komplex. Es ist überhaupt nur möglicht wenn sich kein Metall zwischen dem Impulsgeber und dem Transponder befindet. Einen RFID-Tag im Schuh des Fahrers werden Sie nie erfassen können - es sei denn Sie sind in einem Kunststoffauto unterwegs. Außerdem haben sie bei hohen Geschwindigkeiten nur sehr wenig Zeit dazu...

2. RFID-Chip mit EC-Karte bezahlen:
Im Prinzip könnte man die Seriennummer der Tags speichern und beim Verkauf an der Kasse der EC Karte zuordnen. Praktisch wird aber nur ein EAN-Code angedruckt, man wüßte also höchstens welche Charge in Frage kommt. Bei 1.000.000 Stadtfahrten am Tag wird der Aufwand enorm werden. Selbst dann sind die Informationen der EC Karte Tankstellen intern und nicht automatisch mit dem Mautbetreiber gekoppelt. Ein Gesetz müßte die Zweckbindung aufheben. Die Ortung über ein Handy ist viel leichter.

3. Bewegungsprofile:
Sie müßen nicht mit Ihrem Nachbarn tauschen. Aber weil das Guthaben vermutlich nicht mehr als eine Tankfüllung reichen wird, tauschen Sie den Chip zwangsweise aus. Ein direktes Nachladen ist nicht vorgesehen.
Das Bewegungsprofil würde sich also auf wenige Tage beschränken und es wäre weitgehend unklar welche neue ID der Fahrer bekommt.
Die Reichweite des Chips ist bei der weitreichensten Technologie auf 30 Meter beschränkt, den Fahrer habe Sie damit noch nicht. Das Handy ist einfacher - wenn gewünscht. Und das Handy können Sie sogar per SMS unbemerkt einschalten!

4. Guthaben-Manipulation der Chips:
Hier ist sogar mehr Big Brother drin als Sie dachten. Das Guthaben wird eindeutig zu einer CHIP-ID auf einem Schattenkonto gespeichert. Im Gegensatz zur Geldkarte aber nicht mit dem Besitzer verknüpft. Datenschützer nennen das pseudonyme Nutzung und damit das beste Verfahren, wenn Geld abgebucht werden muss. Anonyme Nutzung ist logisch nicht möglich. Das Guthaben wird also einmalig auf Schattenkonto und Chip vermindert. Der Chip erhält allerdings einen Datumsstempel (vermutlich hashkey aus bestimmten Werten) der an der nächsten Mautstelle gefunden wird und die Weitergabe der CHIP-ID an das Schattenkonto verhindert. Dieser Teil im Mautdesign ist allerdings nach meinen Informationen noch nicht endgültig definiert.

5. Alle Nutzer per Digitalkamera erfassen:
Sie könnten auch argumentieren alle Blitzer zur Streckenverfolgung der Autos einzusetzen. Wie lange werden die wohl noch auf analogen Filem beruhen, wo sie es denn noch tun? Ein für den Fahrer sichtbares, klares Signal der Erfassung des Fahrzeuges ist das mindeste was wohl derzeit geplant ist. Außerdem soll eine Permanentaufnahme möglichst nachhaltig technisch verhindert werden.

Ich denke es ist klar, daß die Grünen werden niemals einer Mautlösung zustimmen die nicht "100%iger Berücksichtigung datenschutzrechtlicher Belange" genügt. Das ist aktuell einer der wenigen Gründe wegen dem die Maut von den Grünen wohl umgehend wieder fallen gelassen würde.
Siehe Mautresolution der Münchner Stadtversammlung vom 29.3.04

Ich glaube nicht, daß die Grünen aus politischem Kalkül Probleme der RFID-Technik verschweigen oder übersehen. Mehr als einen führenden Datenschützer vom DVD e.v. einzuladen konnten sie in einem ersten Experten Hearing nicht tun. Und der hat der pseudonymen Nutzung sein OK gegeben. Dem Erfolg der Maut hat diese Einladung und übrigens auch die Einladung der kritischen Kollegen von Heise sicherlich nicht genützt. Aber Notwendig war sie und ist die kritische Betrachtung auch weiterhin.

Es wäre aber wohl vermessen von einer kleinen Stadtratsfraktion das Design eines Mautsystems bis in das letzte Detail zu erwarten. Trotzdem haben sie sich Gedanken gemacht um es gar nicht erst zu einem Abgleiten der Diskussion wie bei der LKW-Maut kommen zu lassen. Wer spricht denn da von Datenschutz? Glauben Sie an die dauerhafte Mautfreiheit des Autos? Bei den Investitionssummen? Wo die EU seid langem PKW-Mauten fordert? Die Maut geplant hat übrigens die Kohl-Regierung...

happy discussion
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Alt 25.05.2004, 15:13   # 4
Tweek
 
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Oha, Erklärungsbedarf...

Zu 1:

Wie genau soll dann der Transponder der Maut ausgelesen werden? Wo wird er angebracht?
Das Auto ist ein faradayischer Käfig, aber eine reine Metallschicht sollte normalerweise nicht reichen, um das Auslesen der RFID-Tags zu verhindern.

Zu 2:

Stimmt, Handys sind kein Problem, um jemanden zu Orten. Dazu muss allerdings erstmal das Handy an sein. Im Falle eines Falles ist es aber offensichtlich möglich, jemanden den RFID-Code zuzuordnen, spätestens, wenn ein Fahrzeug wegen fehlender/abgelaufener Mautplakette oder wegen eines technischen Defekts im Lesessystem abgelichtet wird.

Zu 3:

Die Technologie alleine ist, wie so viele RFID-basierte Anwendungen, vermutlich recht harmlos. Die Kombination vieler Anwendungen allerdings macht den Big-Brother-Faktor aus.
Handys lassen sich nicht per SMS einschalten, die Mitteilungen liegen in der SMS-Zentrale auf dem Server und werden übermittelt, wenn sich das Gerät in eine Funkzelle einbucht. Dadurch ist die Übermittlung einer SMS abhängig vom Einschalten des Handys, nicht umgekehrt.

Zu 4:

Zitat:
Dieser Teil im Mautdesign ist allerdings nach meinen Informationen noch nicht endgültig definiert.
Wie so viele andere Dinge, die von Regierenden überall in Deutschland erdacht werden...

Zu 5:

Einmal abgesehen davon, dass es nicht genug Radarfallen gibt, um weitreichende Verhandungen zu starten: Ein sichtbares Signal lässt sich abschalten, Digitale Fotoapparate gegen digitale Videokameras ersetzen. In London läuft die Maut über Kameraüberwachung und funktioniert, obwohl London wesentlich größer ist als München und kann auch problemlos zur Rasterfahandung genutzt werden.
Technisch lässt sich eine solche Form der Überwachung nur den Verzicht auf Kameras verhindern.

Zitat:
Es wäre aber wohl vermessen von einer kleinen Stadtratsfraktion das Design eines Mautsystems bis in das letzte Detail zu erwarten.
Vermutlich ist es auch vermessen, ein Jahr nach dem Start des Dosenpfands zu hoffen, dass eine kleine Regierungsfraktion ein Rücknamesystem bis ins Detail designt

Übrigens: Maut geht auch anders, dazu muss man weder RFID, noch Toll-Collect oder Videokameras bemühen. Beispiel: Österreich.
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Alt 25.05.2004, 20:31   # 5
delforcer
...ist anders...
 
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das problem ist ja die marke an dem auto, die man ja nutzen muss, weil darueber das ganze system funktioniert. die anderen chips die man vielleicht so bei sich tragen koennte spielen daher weniger eine rolle. nur wenn man diese technologienutzen wird, wird es kritisch, da man dies dann zugaenglich machen muss. ich kann mir heute auch so eine kleinen box kaufen ( http://www.foebud.de/spiel/versand/index.html ) wo alle karten reinkommen, damit sie nicht gelesen werden. nur nuetzt mir das nichts, wenn ich zur auslesung gezwungen bin.
eine faq dazu gibt es unter: http://www.foebud.org/texte/aktion/rfid/faq.html
von: http://www.foebud.org/

das problem sehe ich selbst auch in den sammlungen von daten, und die kann, wenn RFID ueberall eingesetzt wird, alles protokolieren. was ich kaufe, wo ich hingehe, und und und.
da ist mir persoenlich, die videoueberwachung lieber, da diese nicht ueberall und permanet eingesetzt wird, und die daten auch nicht missbraucht werden. weil die nicht jeder einsetzen kann, bzw. ablesen kann.

na ja so sicher bin ich mir nicht, das die es nicht zulassen, bei RFID im reisepass ist doch auch schon so gut wie zugestimmt. also werden die das thema kennen, auch wenn datenschuetzer an die decke gehen.

del/FTF
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Alt 25.05.2004, 23:57   # 6
Tweek
 
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Da stimme ich Dir zu, Del

Allerdings:
Zitat:
da ist mir persoenlich, die videoueberwachung lieber, da diese nicht ueberall und permanet eingesetzt wird, und die daten auch nicht missbraucht werden.
Ich glaube, dass das eine Fehleinschätzung ist. Videoüberwachung ist sicherlich ein kleineres Übel als RFID, doch ist sie genauso unangenehm, weil nur sinnvoll, wenn Allpräsent (wie in Großbritannien). Im Gegensatz zu RFID kann man aber wenigstens sehen, ob man gerade "gesammelt" wird und nur die staatlichen Stellen, die die Cams aufstellen, sind in der Lage, Daten zu sammeln.

Allerdings ist das auch unangenehm, weil: Zielgerichtete Werbung ist mir wesentlich lieber als im Rahmen einer Rasterfahndung per Kamera gleich noch erwischt zu werden, wie ich betrunken an ein Londoner Wahrzeichen pinkle
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Alt 26.05.2004, 00:10   # 7
delforcer
...ist anders...
 
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Beiträge: 6.121
Zitat:
Zitat von CRen
Da stimme ich Dir zu, Del

Allerdings:
Zitat:
da ist mir persoenlich, die videoueberwachung lieber, da diese nicht ueberall und permanet eingesetzt wird, und die daten auch nicht missbraucht werden.
Ich glaube, dass das eine Fehleinschätzung ist. Videoüberwachung ist sicherlich ein kleineres Übel als RFID, doch ist sie genauso unangenehm, weil nur sinnvoll, wenn Allpräsent (wie in Großbritannien). Im Gegensatz zu RFID kann man aber wenigstens sehen, ob man gerade "gesammelt" wird und nur die staatlichen Stellen, die die Cams aufstellen, sind in der Lage, Daten zu sammeln.

Allerdings ist das auch unangenehm, weil: Zielgerichtete Werbung ist mir wesentlich lieber als im Rahmen einer Rasterfahndung per Kamera gleich noch erwischt zu werden, wie ich betrunken an ein Londoner Wahrzeichen pinkle
jup, klar ist beides shice, ist so, dennoch wie du selbst gesagt hast, sammelt da nur eine behoerde. nicht jeder, und das kann mit rfid passieren, lesegeraete und so weiter.

also zielgerichtete werbung finde ich hingegen wieder unschoen, weil ich habe heute die moeglichkeit auszuweichen, da habe ich es weniger, weil auf mch gezielt ist. diese werbung kann dich in xxxx jahren auch ansprechen und so weiter, wenn wir an dieser stelle annehmen das RFID im ausweiss einen platz findet, weil wuerde je huebsch schnell gehen.
polizei haelt sich an, ausweis, lesegeraet fertig, das kannst du mit allem machen, und das ist das erschreckende in der vorstellung.

na ja dann such dir ne ecke, im nem hinterhof, wenns so dringend ist, urinschaeden sind boese, wenns viele an der selben stelle machen ^^ und vom duft im sommer mal ganz von abgesehen...
das ausnutzen der daten ist fuer mich schlimmer, als in ein raster zu fallen, mag komisch sein, aber hat sich so kristalisiert ^^

del/FTF
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Alt 26.05.2012, 07:40 # --
News Flash
 
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